Irrungen in den Steillagen

KRÖV. Zirka 44 000 Saisonarbeitskräfte aus Polen sind in Rheinland-Pfalz beschäftigt: Viele arbeiten bei den großen pfälzischen Gemüseanbauern. Doch auch in den Weinbergen an der Mosel geht längst nichts mehr ohne sie.

"Wir danken Ihnen für diesen demoralisierenden Vortrag." Ernst-Josef Kees, Vizepräsident des Weinbauverbandes Mosel-Saar-Ruwer, wollte mit diesen Worten keineswegs Stefan Schünemann diskreditieren. Dieser war beim Weinbautag Mosel in Kröv nur der Überbringer der schlechten Botschaft. Die lautet zusammengefasst so: Die großen Winzerbetriebe, die auf Saisonarbeitskräfte angewiesen sind, können in Zukunft nicht mehr so viele Polen beschäftigen wie bisher. Stattdessen müssen verstärkt deutsche Arbeitslose angestellt werden.Schünemann: Politik bleibt Antwort schuldig

Die Betriebe sollen - so die Eckpunkte-Regelung der neuen Bundesregierung -, ausgehend vom Bedarf für das Jahr 2005 nur noch 80 Prozent der Kräfte aus dem Ausland, vornehmlich aus Polen, holen dürfen. Wenn der deutsche Arbeitslosenmarkt nichts hergibt, darf diese Quote auf 90 Prozent erhöht werden. Diese Regelung betrifft in erster Linie die großen Betriebe (ab etwa zehn Hektar). Für die kleineren Betriebe gilt weiter die Regelung vier Saisonarbeiter pro Jahr (jeweils vier Monate). Probleme befürchtet Stefan Schünemann, Rechtsanwalt beim landwirtschaftlichen Arbeitgeberverband Rheinland-Nassau, vor allem bei den Betrieben, die sich 2005 bei der Anforderung von Leuten zurückhielten. Schwierigkeiten sieht er auch bei Winzern, bei denen durch neue Flächen erhöhter Arbeitsaufwand besteht. "Der Berufsstand verweigert sich dem Ansinnen nicht, bisher sind die Versuche aber kläglich gescheitert. Kein deutscher Arbeitsloser wird sich in die Steillagen verirren", sagte Schünemann. "Die Politik bleibt die Antwort schuldig, wer die Arbeit machen soll, wenn keine deutschen Kräfte zur Verfügung stehen." Wenn es nicht möglich sei, deutsche Arbeitslose zu gewinnen, müssten die Winzer ihren Bedarf zu 100 Prozent in Polen decken dürfen, forderte er. Sein Ratschlag für Härtefälle: "Wenden Sie sich an Arbeitsminister Franz Müntefering." Dabei ist es schwer genug, noch polnische Arbeitskräfte zu finden. Das EU-Wanderarbeiter-Abkommen fordert von den deutschen Arbeitgebern, dass sie für bestimmte Personen (Selbstständige und Leute, die ihren Urlaub zum Arbeits-Aufenthalt in Deutschland nutzen) Sozialabgaben nach Polen zahlen. "Bisher gibt es in dieser Sache nur Verlierer", sagte Schünemann. Alleine das Verwaltungsverfahren sei schon "abenteuerlich". Deshalb sei ein bilaterales Abkommen zwischen Deutschland und Polen notwendig. Schünemann: "Agrarminister Horst Seehofer hat Gespräche zugesagt. Er steht im Wort." Die Arbeitgeber sollten vorsorglich Rückstellungen bilden, um für Forderungen von polnischer Seite gewappnet zu sein. Ein Ausweichen auf Rumänen sei auch möglich. "Aber auch nur so lange, bis die in der EU sind", sagte Schünemann. Winzer Hubertus Klein rät zur Standhaftigkeit. Sein Vorschlag: "Wir machen Druck und bezahlen nichts. Mal schauen, wer dann kassieren kommt."Wie ist Ihre Meinung zum Thema Saisonarbeitskräfte? Schreiben Sie uns per E-Mail an moselecho@volksfreund.de. Ihre Zuschrift sollte maximal 30 Zeilen zu 30 Anschlägen lang sein. Name und Anschrift nicht vergessen.