"Jede Musik ist Heilmusik"

FELL/TRIER. (kat) "Jede Musik ist Heilmusik", sagt Harry Iman, langjähriger praktizierender Mediziner und Akupunkteur. Gemeinsam mit Michael Fei Sun und Yasim Lin bevorzugt er die Welt fernöstlicher Klangmusik. Manchmal mit dabei: Die Qin (gesprochen: Tschin), eine chinesische Griffbrettzither, die zum Weltkulturerbe ernannt wurde.

Harry Iman hat an der Qin Platz genommen. Auf Michael Fei Suns Knie ruht noch die Erhu, eine chinesische Geige. Die Dritte im Ensemble, Yasmin Lin, will der Yang-Qin, einem persischen Hackbrett, Klänge entlocken. Zehn Patienten haben es sich mit Decken auf ihren Matten bequem gemacht. Gespannt warten sie auf die ersten Melodien, die Entspannung bringen sollen. Schon nach den ersten Tönen "vergesse ich die Welt", sagt Zuhörerin Erika Dinkelbach aus Kordel. Seit zehn Jahren leidet sie an einer schweren Erkrankung. Teil ihrer Therapie ist, dass sie sich alle vierzehn Tage akupunktieren und von der Heilmusik "berieseln" lässt. "Das ist meine Medizin. Die Heilmusik gibt mir Zuversicht." Die Heilmusik, die das Trio praktiziert, besteht aus buddhistisch-daoistischen, chinesischen und tibetischen Mantren. Mantren sind Vokale, die rezitiert werden. Harry Iman führt drei Gründe auf, weshalb er diese Auswahl getroffen hat: "Mantren wurden historisch über tausende von Jahren überliefert, vor allem da sie in Klöstern entstanden und entwickelt worden sind. Zweitens weil ich in diesem Kulturkreis geboren und aufgewachsen bin und als langjährig praktizierender Mediziner zu dieser Überzeugung gelangt bin." Iman erklärt, wie diese Musik wirkt. "Musik oder Töne sind vereinfacht gesagt Frequenzen." Sie werden laut Iman nicht nur durch das Ohr wahrgenommen, sondern in der Flüssigkeit in den Zellen gespeichert. "Wir hören Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Körper." Wenn der Mensch zu 70 Prozent aus Wasser bestehe und Wasser auf Musik reagiere, müsse folglich der Mensch reagieren. Besonders stolz ist Harry Iman auf seine Qin. Die klassische chinesische Griffbrettzither wurde 2003 von der Unesco in die Liste der "repräsentativen Werke des mündlichen und nichtmateriellen Kulturerbes der Menschheit" aufgenommen. Es gibt eine Legende, die besagt, das Gott Fuxi das Instrument vor Jahrtausenden erschaffen habe. Im chinesischen Kulturkreis wurde für kein anderes Instrument derart viel Musik geschrieben und überliefert wie für die Qin.