Jüdische Brüder sind jetzt Ehrenbürger Greimeraths

Gesellschaft : Greimerather ehren zwei jüdische Brüder

Kurt und René Herrmann haben in Deutschland viel Leid erfahren. Ihrer Hochwälder Heimat blieben sie dennoch verbunden. Nun sind sie Ehrenbürger.

Für Ortsbürgermeister Edmund Schmitt steht fest: „Dies ist ein denkwürdiger Tag für unsere Gemeinde.“ Im Mai hatte der Greimerather Rat einstimmig entschieden, zwei Ehrenbürgerschaften zu verleihen. „So eine Auszeichnung ist höchst selten, meist geht sie an Politiker“, sagt Schmitt. In Greimerath jedoch empfangen sie zwei Brüder, die Ende der 1920er Jahre in dem Hochwaldort geboren wurden, deren jüdische Familie unter dem Terror des Nationalsozialismus litt und später in die USA emigrierte.

Von dort sind Kurt und René Herrmann, 90 und 89 Jahre alt, mit Kindern und Enkeln angereist, um bei einer Feier mit etwa 70 geladenen Gästen im Gasthaus Greimer­ather Forst die Ehrenbürger-Urkunden entgegenzunehmen. Mit dabei sind Gratulanten aus der Politik, von der jüdischen Gemeinde in Trier, der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Rheinland-Pfalz und viele Greimerather, die eine persönliche Verbindung zu den Herrmanns haben. Den musikalischen Rahmen gestaltet das Duo Moonglow.

Ratsmitglied Josef Leineweber, mit den Herrmanns freundschaftlich verbunden, skizziert die Geschichte der Familie. Seine und alle weiteren Reden übersetzt Henry Selzer ins Englische. Die Herrmanns lebten damals in genau dem Gasthaus, in dem die Ehrung erfolgt. Zu den heutigen Besitzern, der Familie Marx, besteht laut Leineweber eine enge Verbindung. Die Herrmanns seien damals „bedeutsam fürs Dorf“ gewesen, nicht wegen ihres jüdischen Glaubens, sondern weil sie Landwirtschaft, eine Metzgerei und eine Gaststätte mit Kegelbahn betrieben.

Kurt und René hätten mit ihren zwei älteren Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit gehabt und gern Fußball gespielt. Dann jedoch kam am 9. November 1938 die Reichspogromnacht mit von den Nazis gelenkten Gewalttaten gegen Juden im gesamten Reich. „Das Haus der Herrmanns wurde von einem Schlägertrupp aus Losheim verwüstet“, berichtet Leineweber. Greimerather hätten spontan beim Aufräumen geholfen. Bald nach dieser Nacht flüchtete die Familie über Trier nach Köln, wurde aber 1941 nach Riga (Lettland) und ins Konzentrationslager deportiert. Dort wurde die ältere Schwester Amalie ermordet, der Vater starb kurze Zeit später. Die Mutter überlebte in Schweden, Kurt und René kamen – physisch und psychisch gezeichnet – in Greimerath bei Ortsbewohnern unter, weil ihr Elternhaus verkauft worden war. Später zogen alle zusammen in die USA, wo der ältere Bruder Bernhard 1951 starb.

In den vergangenen Jahrzehnten hielten Kurt und René ihrem Heimatort die Treue, waren häufiger zu Besuch. 2009 wurden im Ort Gedenksteine für die Ermordeten der Familie verlegt. Bei einer Feier 2010 hätten die Brüder „deutlich gezeigt, dass sie stolz auf ihre Herkunft sind und positiv über Greimerath sprechen“, sagt Leineweber. Sie täten dies sogar „in bestem Greimerather Platt“. Für die Gemeinde seien die beiden „Botschafter, weil sie sich heute noch als Mitbürger fühlen“. Ihr Verhalten müsse „für uns alle Ansporn sein, Mitmenschlichkeit in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen“.

Die enge Verbundenheit der Brüder zu Greimerath sei vor allem ein Verdienst der Familie Marx, die immer wieder Treffen in ihren Räumen ermögliche und den beiden sogar Schlüssel zu deren Geburtshaus gegeben habe. „Für uns war das ganz natürlich. Man musste der Familie doch ihr Zuhause wiedergeben“, sagt Theresia Marx. Die Söhne der Geehrten bedanken sich dafür mit berührenden Worten: „Sie haben uns das Vertrauen in Deutschland zurückgegeben und die Rückkehr, die schwierig hätte sein können, zu einer warmherzigen Angelegenheit gemacht.“ Beispielhaft für das damals vorbildliche Verhalten der Greimerather schildern die Söhne ein Erlebnis ihres Onkels Bernhard vor einem Fußballspiel. Das gegnerische Team habe verkündet, nicht gegen den Juden spielen zu wollen. Darauf habe der Greimerather Kapitän gesagt, dass sie nur mit Bernhard antreten würden – oder gar nicht.

Nach der Übergabe der Urkunden ist René Herrmann zu Tränen gerührt: „Wie ich mich jetzt fühle, kann sich niemand vorstellen. Ich bin und war immer ein Greimera­ther.“ Als Kinder seien sie in Deutschland verfolgt worden, jetzt gebe man ihnen „die Liebe wieder zurück“. Zu den wieder stärker aufkeimenden antisemitischen Tendenzen in Deutschland sagt Herrmann: „Das macht mir zu schaffen, aber es passiert auch anderswo.“ Die Greimerather, betont er, hätten ihm nie etwas Böses gewollt.

Die Gemeinde setze mit dieser Ehrenbürgerschaft „ein Zeichen gegen Antisemitismus und gegen Fremdenhass“, lobt Jutta Roth-Laudor, Beigeordnete des Kreises Trier-Saarburg. Jüngeren fehle heute der Bezug zu „dieser schrecklichen Zeit der Judenverfolgung“. Es sei wichtig, daran zu erinnern und nach dem Grundsatz „Wehret den Anfängen“ daraus zu lernen.

2018 habe es bislang 22 gemeldete antisemitische Straftaten in Rheinland-Pfalz gegeben, berichtet der Antisemitismus-Beauftragte Dieter Burgard. „Das sind die wenigsten im Vergleich aller Bundesländer, aber immer noch 22 zu viel.“ Burgard zitiert Grußworte von Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Für sie sei die Verbundenheit der Brüder Herrmann zu Greimerath – trotz des in Deutschland erfahrenen Leids – „ein Zeichen der Hoffnung“.

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