Jüdisches Ehepaar feiert 70. Hochzeitstag nach Flucht vor Holocaust aus Wiltingen, Trier und Chemnitz

Kostenpflichtiger Inhalt: Mann kommt aus Wiltingen : 70. Hochzeitstag: Dem Holocaust entkommen und die Liebe gefunden

Ein Mann aus Wiltingen und eine Frau aus Chemnitz haben sich in den 1940-er Jahren im heutigen Simbabwe kennengelernt. Beide sind jüdisch und unabhängig voneinander vor Hitlers Terrorregime geflohen. Heute feiern sie ihren 70. Hochzeitstag.

Edmund (97) und Elisabeth (95) Meyer überleben das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte: den Holocaust. Das jüdische Paar flieht rechtzeitig aus Wiltingen/Trier und Chemnitz nach Afrika. Es lernt sich in den 1940er Jahren in der britischen Kolonie Rhodesien kennen und lieben. Am 6. Dezember 1949 heiraten sie in Salisbury in Süd-Rhodesien. Die Stadt heißt inzwischen Harare und ist die Hauptstadt von Simbabwe.

Heute, 70 Jahre danach, feiern die beiden in London ihren 70. Hochzeitstag. Der TV erzählt anlässlich dieses Jubiläums die bewegende Familiengeschichte der Meyers. Der Hinweis auf den feierlichen Anlass kommt von Hobbyhistoriker Erwin Frank. Der Wiltinger vermittelte dem TV den Kontakt zu Robert Meyer, dem Sohn des Paares. Dieser gibt nun einen Einblick in das außergewöhnliche Leben seiner Eltern.

Laut Robert Meyer geht es den rüstigen Senioren noch richtig gut: „Sie bewohnen ein Wohneinrichtung für Senioren in Nordwest-London“, sagt er. Pflege bräuchten sie nicht, geistig seien sehr fit, körperlich kämpften sie mit manchen Alltagsbeschwerden. „Aber Gott sei Dank nichts Ernstes“, sagt Robert Meyer. „Na ja, mit 97 und 95 was soll man mehr erwarten?“

Edmund und Elizabeth Meyer bei ihrer Hochzeit vor 70 Jahren und heute. Foto: Edmund Meyer/Robert Meyer/Robert Meyer/Edmund Meyer


Flucht vor Terror Dass es dem Paar mit fast 100 Jahren so gut geht, hätte vor mehr als 80 Jahren niemand erwartet. Sechs Millionen Juden sterben während des Terrorregimes der Nazis. Die Meyers gehören nicht dazu. Elizabeth, die 1924 in Chemnitz als Elizabeth Bernstein geboren wird, flieht 1938. Kurz vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 kommt sie mit ihren Eltern nach  Süd-Rhodesien.

Die Verbindung der Familie zur Region Trier kommt über Edmund Meyer zustande, der 1922 in Wiltingen zur Welt kommt. Sein Vater Julius ist dort Viehhändler. Seine Mutter Bertha betreibt ein Lebensmittel-, Textil- und Schuhgeschäft. Maria Meyer, die unverheiratete Schwester von Julius, unterstützt sie in dem Laden. Die einzige jüdische Familie in Wiltingen sei vor 1933 im Dorfleben integriert gewesen, heißt es in einem Aufsatz von Historiker Thomas Müller, einem gebürtigen Wiltinger im Kreisjahrbuch von 2008.

Robert Meyer schildert es ähnlich, nur detaillierter: „Mein Vater kam mit sechs Jahren in die Wiltinger Volksschule, wo er fünf Jahre lang – bis 1933 – tiefe Freundschaften zu den anderen Dorfkindern genossen hat.“ Doch dann kommt die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Wiltingen wird zur NS-Hochburg. Das Leben der Meyers verändert sich grundlegend. Die anderen Menschen boykottieren das Geschäft und die Familie. Wer sich dagegen sträubt, wird öffentlich denunziert. Meyers Eltern verkaufen deshalb am 22. November 1937 ihr Haus in der Bahnhofstraße 67 in Wiltingen. Sie ziehen nach Trier in die Brückenstraße 82.

Die Frage danach, ob seine Eltern damals konkret angefeindet wurden, beantwortet Robert Meyer, indem er einen Brief seines Vaters an Historiker Thomas Müller von 1997 zitiert: „Meines Wissens kam es zu keinen persönlichen Übergriffen, während meine Eltern in Wiltingen wohnten, obwohl dies bei Juden in umliegenden Dörfern der Fall war. Einen Rechtsschutz gab es nicht. Meine Eltern, wie so viele andere deutsche Juden, konnten es nicht fassen, dass sie nicht mehr in einem Rechtsstaat lebten. Der Verkauf meines Elternhauses war natürlich nicht freiwillig, sondern durch die damaligen Verhältnisse bedingt. Im Jahre 1937 gab es bei deutschen Juden kein freiwilliges Handeln mehr. Meine Eltern hätten bestimmt gern ihr Leben in Wiltingen vollendet.”

Weder in Wiltingen noch in Trier werden die Meyers glücklich. Im Gegenteil: Es wird schlimmer in ganz Deutschland. Kurz nach der Pogromnacht dringen zuerst Polizisten und dann eine bewaffnete Horde in die Trierer Wohnung der Meyers ein. Die Meute jagt die Familie auf den Hof und zerstört die Möbel.

Edmund Meyer flieht am 22. März 1939 als 16-Jähriger auf sich alleine gestellt über Rotterdam nach Nord-Rhodesien (heute Sambia). Weder seine Eltern noch seine Tante sieht er wieder. Von Trier aus deportieren die Nazis alle drei am 16. Oktober 1941 mit dem ersten Transport ins Ghetto Lodz (Litzmannstadt). Maria stirbt dort am 18. Februar 1942. Wann genau und wo die Nazi-Schergen Julius und Bertha Meyer töten, ist nicht bekannt. Beide wurden am 31. Dezember 1945 für tot erklärt.


Weg zum gemeinsamen Glück
Edmund wandert 1948 von Nord- nach Salisbury in Süd-Rhodesien aus. Der Wiltinger lernt in Salisbury 1949 seine große Liebe Elizabeth kennen. Wenig später heiratet er sie am 6. Dezember 1949. Zusammen ziehen sie  drei Söhne groß und betreiben dort 30 Jahre lang ein Bekleidungsgeschäft. 1981 zieht es die Familie zurück nach Deutschland, wo sie sich zehn Jahre lang am Bodensee niederlässt. 1991 wandern sie nach England aus, um näher an den Söhnen, neun Enkeln und später drei Urenkeln dran zu sein.


Rückkehr in die alte Heimat 2007 ist es so weit. Ende August kommt Edmund Meyer zurück an die Saar nach Wiltingen. Mit gemischten Gefühlen habe sein Vater sich für die Reise entschieden, sagt sein Sohn Robert: „Es war keine einfache Entscheidung und seine Rückkehr nach Wiltingen hat unterschiedlichste Gefühle hervorgerufen. Ungewiss war, wie nach 70 Jahren die Begegnung mit Orten und Bekannten der Kindheit auf ihn wirken würden.“ Robert Meyer zählt die problematischen Erfahrungen auf: die Zeit des Boykotts der Familie, der fast vollständige Abbruch sozialer Kontakte, die Erlebnisse der Reichspogromnacht in Trier und das Trauma seiner einsamen Emigration als 16-Jähriger in eine völlig unbekannte Welt ohne Kontakt zu den in Deutschland zurückgebliebenen Eltern. „All dies war eine schwere emotionale Last“, erklärt der Sohn des Wiltingers.

 An dem Elternhaus in der Bahnhofstraße 67 in Wiltingen sind am 24. Februar 2007 Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Meyer verlegt worden. Diese sind rund sechs Monate danach, Ende August 2007, die erste Station der 15 Familienmitglieder. Sie sprechen dort den Kaddisch, das traditionelle jüdische Totengebet, das normalerweise während des Trauergottesdienstes zu Ehren eines Toten gesprochen wird. Robert Meyer erinnert sich an die Worte einer Verwandten nach dem Gebet: „Wie meine damals 24-jährige Nichte nachher gesagt hat: ‚Es ist schön, nun einen Ort zu wissen, wo wir unserer Verstorbenen gedenken können’.“

Die Wiltinger begrüßen die Meyers 2007 sehr herzlich. Der damalige Ortsbürgermeister Lothar Rommelfanger beschrieb den Moment kürzlich in einem Artikel über seine 30-jährige Amtszeit in dem Ort noch als absoluten Gänsehautmoment. Auch die Meyers sind bewegt: „Die Begegnung im Gasthaus Kratz mit Bürgerinnen und Bürgern sowie ehemaligen Schulfreunden und Nachbarn war sehr warmherzig“, erzählt Robert Meyer. Die Kindheitsjahre, aber auch viel Neues sei da thematisiert worden. „Denn über die Gräuel, die er in Nazi-Deutschland erlebt hat, über den Verlust seiner Eltern und weiterer Familienmitglieder hatte er jahrelang nicht gesprochen“, sagt Robert Meyer.

„Der Besuch war irgendwie eine Befreiung für meinen Vater, der ihm geholfen hat mit einer unbewältigten Vergangenheit zurechtzukommen.“ So habe es der damals 85-Jährige nach dem Erlebnis selbst gesagt. An die Wiltinger gerichtet sagt Edmund Meyer 2007: „Nun kann ich nach diesem herzlichen Willkommen wieder sagen ‚Liebe Wiltinger’.“ Sein Sohn sagt heute: „Für uns und unsere Kinder war der Besuch auch sehr wichtig.“

Familienfest in London Zwölf Jahre nach dem Besuch in und mehr als 80 Jahre nach der Flucht aus Wiltingen steht für die Meyers das große Jubiläum an: das Platinum Wedding, wie die Briten sagen, die Gnadenhochzeit auf Deutsch. Am Freitag gebe es in dem Wohnheim einen Brunch mit allen  rund 40 Bewohnern sowie etwa zehn Familienmitglieder. Zur Unterhaltung gebe es Musik aus den 1920er bis 1950er Jahren, sagt Robert Meyer. „Am nachfolgenden Sonntag werden meine Eltern mit 30 Familienmitgliedern in einem Restaurant im Londoner West End feiern.“ Das hätte vor 70 beziehungsweise 80 Jahren niemand erwartet.