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Jugendliche wollen jüdischen Friedhof pflegen

Jugendliche wollen jüdischen Friedhof pflegen

Elf Grabstellen in Zerf erinnern daran, dass es vor dem Holocaust im Hochwaldort eine kleine jüdische Gemeinde gab. Dieser Friedhof wirkt inzwischen aber nicht nur etwas vernachlässigt. Im Bewusstsein vieler Bürger ist immer mehr in Vergessenheit geraten, dass es in Zerf eine solche Gedenkstätte überhaupt gibt. Das wollen Jugendliche aus der Verbandsgemeinde (VG) Kell mit einer von ihnen selbst geplanten Aktion ändern.

Zerf. Die Straße Mühlenflur in Zerf ist eine Sackgasse. Wer an deren Ende ein paar Schritte weitergeht, stößt in einer kleinen Senke auf ein ummauertes Gelände. Tritt man durch das verrostete Eingangstor, werden im Inneren insgesamt elf Gräber sichtbar. Die Steine sind teilweise moosbedeckt, die Inschriften mitunter verwittert und deshalb nur noch schwer zu entziffern. Symbole wie der Davidstern sind aber noch zu erkennen und zeigen damit deutlich: Auf diesem Friedhof haben Menschen, deren Religion das Judentum war, ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Die Geschichte: Die Namen der Toten auf dem jüdischen Friedhof in Zerf lauten beispielsweise Samuel Meyer oder Leonie Herrmann. Die Ruhestätte wurde um 1905 für Familien angelegt, die in Zerf, Greimerath, Schillingen und Pellingen wohnten. Die heute noch erhaltenen Gräber erinnern an jüdische Gemeindemitglieder, die zwischen 1906 und 1937 gestorben sind. Danach erlosch das jüdische Leben in Zerf und Umgebung (siehe Extra).

Die Aktion: Eine Gruppe von etwa zehn Jugendlichen aus der VG Kell will im September - der genaue Termin steht noch nicht fest - bei der Pflege des jüdischen Friedhofs in Zerf mithelfen und damit die etwas vernachlässigt wirkende Gedenkstätte wieder auf Vordermann bringen. So haben die jungen Leute vor, die Gräber zu reinigen, die Inschriften wieder lesbar zu machen und die Steine beziehungsweise die Friedhofsmauer vom Moos zu befreien. Außerdem wollen sie am Eingang eine Tafel aufstellen, die Informationen zur Geschichte des Friedhofs und der jüdischen Gemeinde in Zerf liefert. "Es ist ja wichtig zu wissen, dass die jüdischen Menschen keine Sonderlinge waren. Bis die Nazis kamen, waren sie voll in das Leben im Ort integriert", sagt VG-Jugendpfleger Markus Ankerstein. Peter Lichtmeß (16) und Matthias Scherf (19) kommen aus Heddert und machen bei der Aktion mit. Beide betonen, dass sie ihren Arbeitseinsatz vor allem als symbolische Geste sehen. "Ich finde den geschichtlichen Hintergrund wichtig. Es gibt hier in Zerf zwar einen jüdischen Friedhof. Das weiß aber kaum einer. Mit unserer Aktion können wir vielleicht ein wenig dazu beitragen, dass sich das ändert", sagt Lichtmeß. Und Scherf fügt hinzu, dass die Jugendlichen mit ihrem Projekt auch "ein Zeichen gegen rechts setzen wollen".
Die Reaktionen: Nicht nur VG-Bürgermeister Werner Angsten spricht von einer "sehr lobenswerten Sache". Auch Gerd Voremberg, der Ehrenvorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, betont: "Wir begrüßen die Idee der Jugendlichen sehr, dass sie sich um den Friedhof kümmern wollen. Die Aktion wird auch eng mit uns abgesprochen." Für Voremberg ist es in erster Linie wichtig, dass durch das Vorhaben die Gedenkstätte "wieder in den Blickpunkt gerückt wird. Viele Leute laufen inzwischen in den Ortschaften achtlos an den jüdischen Friedhöfen vorbei. Dabei erzählen die Grabsteine dort auch einen Teil der Geschichte eines Dorfes."EXTRA: Die Shoah in Zerf

In Zerf ließen sich in den 1830er Jahren erstmals Menschen jüdischen Glaubens nieder. Die Zahl der Gemeindemitglieder blieb aber gering. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, lebten etwa 20 Juden in Zerf. Erst drei Jahre zuvor - also 1930 - hatte die Gemeinde ihre Synagoge in der Bahnhofstraße eingeweiht. Nach der Pogromnacht 1938 wurde das Gebäude verkauft und später für Varieté-Veranstaltungen von Wehrmachtssoldaten zweckentfremdet. Das Haus wurde im Frühjahr 1945 durch die Kriegsereignisse zerstört. Auch die jüdischen Familien aus Zerf und Umgebung wurden Opfer der Verfolgung durch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Einigen jüdischen Familien gelang die Flucht. Sie emigrierten beispielsweise nach Amerika. Aus den vier Dörfern fanden aber auch insgesamt 23 Menschen jüdischen Glaubens bis 1945 den Tod. So wurden nach dem Zeugnis des Zerfer Dorfchronisten Edgar Christoffel die Eheleute Hermann und Theresia Meyer in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und dort ermordet. In der Region Trier gab es laut Gerd Voremberg insgesamt rund 40 jüdische Friedhöfe. Die meisten befanden sich in Orten an der Mosel. Im Hochwald gab es Ruhestätten in Zerf, Hermeskeil und Thalfang. Die noch erhaltenen Gräber auf jüdischen Friedhöfen stehen unter besonderem Schutz. Sie dürfen nicht entfernt werden. ax



Meinung

Der gute Wille zählt
Der Wert eines Projekts lässt sich nicht immer an harten materiellen Fakten festmachen. Manchmal ist ganz einfach die ideelle Bedeutung entscheidend. Die Absicht der Keller VG-Jugendlichen, sich um die Pflege des jüdischen Friedhofs in Zerf zu kümmern, ist dafür ein gutes Beispiel. Das Vorhaben ist nicht mit großen Kosten verbunden, und es ist auch keine zeitaufwendige Angelegenheit. Trotzdem zeigen die jungen Leute mit ihrem Arbeitseinsatz deutlich: Sie interessieren sich für die Geschichte und nehmen Anteil am Schicksal von Menschen, die im dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit entrechtet, systematisch verfolgt und millionenfach ermordet wurden. Die Erinnerung an den Holocaust muss wachgehalten werden, da Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit aus unserer Gesellschaft bis heute nicht verschwunden sind. Bei diesem Kampf gegen das Vergessen helfen die Keller Jugendlichen mit ihrer Aktion mit. Und selbst wenn dieser Beitrag nur klein sein sollte. Der gute Wille und die klare Geste zählen allein schon sehr viel. a.munsteiner@volksfreund.de