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Junge Leute haben Bock aufs Dorf

Hermeskeil/Trier. In der Beurteilung ihrer Lebensqualität in den Dörfern des Kreises liegen Junge und Alte mit ihren Antworten nicht weit auseinander. Wie eine Uni-Umfrage zeigt, legen beide Gruppen Wert auf eine ruhige Lage und eine gute ärztliche Versorgung. Albert Follmann

Hermeskeil/Trier. Da sage noch einer, nur die Alten mögen\'s ruhig. Laut einer Bürgerbefragung schätzen mehr als zwei Drittel der 18- bis 30-jährigen Landbewohner im Kreis die ruhige Lage in ihrem Dorf. Bei den über 65-Jährigen sind es "nur" gut die Hälfte. Worauf es den Senioren eher ankommt, sind eine gute Nachbarschaft und dass sie sich auf dem Land sicher fühlen (weitere Ergebnisse im Extra).Ziel: Lebensqualität sichern

Dass die Generation der "jungen Wilden" zumindest an ihrem Wohnort lieber ihre Ruhe haben möchte und keine "Action" sucht, das hat auch Professor Rüdiger Jacob überrascht. Der Sozialforscher hat jüngst im Kreishaus weitere Ergebnisse der Bürgerbefragung "Lebenswerte Dörfer" vorgestellt. Wie berichtet, hatten knapp 3000 Personen aus Dörfern des Kreisgebiets an dieser repräsentativen Umfrage im Rahmen des Projekts "Moro" teilgenommen.Auf Grundlage des vom Bund geförderten Modellvorhabens Moro will der Kreis im Herbst eine Strategie entwickeln, die wohnortnahe Angebote erhält und ausbaut, oder anders gesagt: Was können Politiker und andere Entscheidungsträger tun, damit sich die Menschen in der Eifel, an der Mosel, im Hochwald und an der Saar wohlfühlen und hier auf Dauer eine gesicherte Existenz haben. Am Donnerstag wurden in der Kreisverwaltung 5000 Fragebögen an Bewohner in den vier Kreisstädten Konz, Saarburg, Hermeskeil und Schweich verschickt (siehe Extra). Analog zu der Dörferumfrage geht es auch hier unter anderem um den Nahverkehr, die Einkaufsgewohnheiten und die medizinische Versorgung. Im Sommer, schätzt Professor Jacob, werden er und seine Studenten die Dörferumfrage komplett ausgewertet und auf Sozialräume unterhalb der Verbandgemeindeebene heruntergebrochen haben. Für die VG Ruwer bedeutet dies beispielsweise, dass Einschätzungen zum Gemeinschaftsleben, zur hausärztlichen Versorgung oder zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf drei Räume zugeschnitten werden können: das untere Ruwertal, das obere Ruwertal und die Hochwaldgemeinden.Die Bürgerumfragen in den Dörfern und Städten sind ein wichtiger Bestandteil von Moro, aber längst nicht alles. Anfang Mai sind nach Mitteilung von Landrat Günther Schartz Bürgerworkshops geplant, an denen auch die Ortsbürgermeister und Ehrenamtler der Kommunen teilnehmen sollen. Auch stecken seit geraumer Zeit Fachleute in den vier Arbeitsgruppen Bildung, Gesundheit und Pflege, Familie sowie Lebenswerte Dörfer und Städte die Köpfe zusammen und beraten, wie man den Herausforderungen des demografischen Wandels begegnen kann. Arzt-Engpass im Hochwald

Teilweise profitiert man dabei von einer Medizinstudie, die ebenfalls von der Uni Trier begleitet wurde (der TV berichtete). Diese hat beispielsweise ergeben, dass von den fünf Hausärzten in der VG Kell in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich drei aufhören werden; Nachfolger sind keine in Sicht. "Ärzte zu bewegen, sich bei uns niederzulassen, wird eine der zentralen Aufgaben sein", sagt Schartz. Ein Feldversuch in den Verbandsgemeinden Kell und Hermeskeil soll Erkenntnisse liefern, wie der ÖPNV nutzerfreundlicher gestaltet werden kann. Meinung

DatenschatzIn ganz Rheinland-Pfalz gibt es wohl keinen Landstrich, der empirisch so gut erforscht ist wie die Region Trier. Die Medizinstudie für den Raum Trier und die Moro-Umfragen zur Lebensqualität im Kreis sind die jüngsten Beispiele einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Hochschulen und Auftraggebern aus Politik und Wirtschaft. Die Frage ist nur: Nützt diese Zusammenarbeit auch der Bevölkerung, oder ist das nur ein Strohfeuer? Vorausgesetzt, es werden die richtigen Schlüsse gezogen, sind die Datenberge von unschätzbarem Wert. Endlich wissen die Entscheidungsträger nämlich, was die Bürger denken und wo sie der Schuh drückt. Man könnte nun in den Räten viel leichter den Fokus auf Lösungsansätze richten, anstatt sich nerv- und zeittötenden parteitaktischen Spielchen hinzugeben. Nicht alles, was sich die Bürger wünschen, muss viel Geld kosten. Oft sind es kleine Ideen, die zum Ziel führen. Einen Vorteil haben die Stadt Trier und der Kreis gegenüber anderen Regionen: Noch schrumpft die Bevölkerung nicht, noch ist es früh genug, Strategien zu entwickeln, die die Lebensqualität verbessern oder zumindest erhalten. a.follmann@volksfreund.deExtra

Der Kreis dehnt die Bürgerbefragung zur Lebensqualität nun auch auf die Stadtbevölkerung aus. Voraussichtlich am Samstag werden jeweils 1250 zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Personen aus Konz, Hermeskeil, Saarburg und Schweich die Umfragebögen in ihren Briefkästen vorfinden. Der Kreis bittet darum, die mehr als 70 Fragen möglichst bald zu beantworten und in dem frankierten Rückumschlag zurückzuschicken. Die Universität Trier wird analog zur bereits stattgefundenen Dörferbefragung das Projekt mitbetreuen und unter der Federführung der Soziologen Rüdiger Jacob und Waldemar Vogelgesang die Antworten auswerten. Die Umfrage wird anonym durchgeführt. Die Befragten werden nur ihren Wohnort angegeben müssen. Das Befragungsteam hofft, dass auch die Befragung der Städter erfolgreich läuft. Glücklich wären Uni und Kreis über eine so gute Rücklaufquote wie bei der vorangegangenen Dorfbefragung (44,4 Prozent). alf Extra

Ergebnisse der Umfrage Lebensqualität in ländlichen Regionen (Auszug): Zuzüge/Wegzüge: Zwischen 53,2 Prozent (VG Kell) und 71,1 Prozent (Trier-Land) aller Befragten sind in ihren Orten zugezogen. Rund zehn Prozent geben an, einen Wegzug zu planen, meist aus beruflichen Gründen. Einkauf von Lebensmitteln: In ihren Dörfern kaufen am ehesten die Befragten aus den Verbandsgemeinden Kell am See und Schweich ein, Geschäfte in "ihrem" Mittelzentrum bevorzugen hingegen Bewohner die in den Verbandsgemeinden Hermeskeil und Saarburg leben. Bürger aus Ruwer und Trier-Land zieht es wiederum zum Einkaufen stark nach Trier. Rollenden Märkte nutzen rund ein Fünftel aller Bürger. Welche Angebote in der Nähe sind wichtig? Quer durch alle Bevölkerungsgruppen liegen Arztpraxen sowie Bank- und Postfilialen in der Gunst ganz vorne (mehr als 90 Prozent), gefolgt von Restaurants, Kneipen und Gaststätten, dann kommen Sportangebote und Feste. Kulturelle Angebote landen auf der Wunschliste mit 54,7 Prozent hinten. ÖPNV: Er wird in der VG Kell (Note 4) am schlechtesten bewertet und in der VG Ruwer (2,6) am besten. alf