Kein Abitur an der Gesamtschule?

Die Eltern und das Kollegium der Integrierten Gesamtschule (IGS) Hermeskeil sind in heller Aufregung. Denn sie fürchten, dass der Kreis Trier-Saarburg auf die ursprünglich für Sommer 2016 geplante Einführung einer Oberstufe an der IGS verzichten will und an dieser Schule somit kein Abitur möglich wäre. Die Eltern sehen das als Bruch der bisherigen Zusagen und kündigen Protest an.

Hermeskeil. Für Heinz-Peter Düpre sind es "Absichten, die bei uns Entsetzen ausgelöst haben". Christa Breidert spricht von einer "sehr schockierenden Mitteilung". Was den Elternsprecher und die Rektorin der IGS Hermeskeil so bewegt, sind Überlegungen des Kreises Trier-Saarburg. Er ist Träger der seit 2010 bestehenden IGS. Die damaligen Fünftklässler der ersten Stunde besuchen aktuell die neunten Klassen. Sie sind im Sommer 2016 so alt, dass sie in die Oberstufe, also in Jahrgangsstufe elf, wechseln und dann 2019 Abitur machen könnten.
Doch zuvor müsste der Kreis beim Land erst einmal die Einführung einer gymnasialen Oberstufe an der Hermeskeiler IGS beantragen. Doch ob der Kreis dies auch tun wird, ist ungewiss. Landrat Günther Schartz (CDU) habe ihr in einem Gespräch eröffnet, dass der Kreis eventuell keinen Antrag für eine Oberstufe stellen wird, sagt Breidert dem TV.
Beschlossene Sache ist das aber nicht, wie Kreis-Pressesprecherin Martina Bosch auf Anfrage unserer Zeitung betont: "Es ist bislang keine Entscheidung über die Einrichtung oder den Verzicht auf die Oberstufe gefallen. Die Diskussion wird aber ergebnisoffen geführt." Der Kreistag soll diese Frage laut Bosch noch vor den Sommerferien beantworten. Die Schulaufsicht, die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier, hat nach eigener Aussage die Antragsfrist für den Kreis bis Ende Juni verlängert.
Bosch weist darauf hin, dass aus Sicht des Kreises die Frage nach der "Einrichtung einer Oberstufe an der IGS nicht isoliert gesehen werden darf. Wir müssen die Schullandschaft im Hochwald insgesamt im Blick haben". Mit Verweis auf die sinkenden Schülerzahlen stelle sich für den Kreis vor allem die Frage, "ob der Schulstandort Hermeskeil künftig zwei Oberstufen tragen kann". Denn am Gymnasium besteht schon die Möglichkeit, Abitur zu machen. Hinzu kommt, dass eine Oberstufe an der IGS auch Auswirkungen auf die Hermeskeiler Berufsschule haben könnte, wo Schüler die Fachhochschulreife erwerben können.
Für Breidert sind diese Argumente schwer nachvollziehbar. Schon bei der Gründung der IGS "haben doch alle Entscheidungsträger gewusst, welche Möglichkeiten für Schulabschlüsse es in Hermeskeil gibt", sagt die Rektorin. Und Düpre fügt hinzu: "Zu diesem Zeitpunkt lagen auch die Schülerzahlen und Statistiken zur demografischen Entwicklung bereits vor."
Beiden ist folgende Feststellung wichtig: Viele Eltern hätten seit 2010 bei der Anmeldung ihrer Kinder fest darauf vertraut, dass an der IGS ab 2016 auch eine Oberstufe entsteht. Düpre: "Diese Eltern haben sich bewusst für die IGS entschieden, damit die Kinder in ihrer Laufbahn keinen weiteren Schulwechsel durchleben müssen." Die Gedankenspiele des Kreises stehen nach seiner Ansicht im Gegensatz zu den "Versprechungen, die uns Eltern und den Schülern gegeben wurden".
Eine IGS ohne Oberstufe ist für Düpre "wie ein Haus ohne Dach und ein Widerspruch in sich". Er und der Rest des Elternbeirats machen deshalb mobil, um die Kreis-Politiker zu einem Umdenken zu bewegen. Sie sammeln Unterschriften und wollen eine Online-Petition starten. Sollten die Bemühungen um die Einführung einer Oberstufe an der Hermeskeiler IGS scheitern, sehen sowohl Breidert als auch Düpre die Schule in ihrem Bestand gefährdet. Das sei umso unverständlicher, weil der Kreis die Schule umgebaut und "optimal saniert" habe, wie der Elternsprecher betont. Die Investitionen dafür beliefen sich auf rund 15 Millionen Euro.
In den jetzigen neunten Klassen werden 113 Kinder unterrichtet. Für die künftigen fünften Klassen im Schuljahr 2015/16 haben sich aber nur noch 82 Jungen und Mädchen an der IGS angemeldet. Breidert begründet diesen Schülerschwund unter anderem "mit einem Effekt, der immer noch nachwirkt". Als 2010 die IGS eingeführt wurde, wurde die maximale Aufnahmekapazität auf 120 Plätze beschränkt. Viele Eltern hätten damals ein Losverfahren befürchtet und ihre Kinder erst gar nicht an der IGS anmelden wollen. "Dieser Tatbestand hat uns ganze Dörfer gekostet", blickt Breidert zurück.
Ein Präzedenzfall wäre es nicht, wenn es in Hermeskeil eine IGS ohne Oberstufe geben würde. Laut ADD gibt es diese Konstellation auch in Kaiserslautern. Grundsätzlich sei es aber so, "dass bei der Errichtung einer IGS die Oberstufe quasi mitgedacht wird", sagt Pressereferent Achim Wagner.Meinung

Quadratur des Kreises
Der Kreis Trier-Saarburg steht ohne Zweifel vor einer schwierigen Aufgabe, die der Quadratur des Kreises gleichkommt. Er ist im Hochwaldraum Träger von vier weiterführenden Schulen (IGS, Gymnasium und Berufsschule in Hermeskeil sowie die Realschule plus Kell/Zerf), in denen allesamt die Schülerzahlen sukzessive zurückgehen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Zustrom von saarländischen Schülern nach Hermeskeil im Lauf der Zeit immer mehr versiegt ist und andererseits über 100 Eltern aus dem Kreis Trier-Saarburg ihre Kinder inzwischen an der Realschule plus in Thalfang angemeldet haben. Somit ist klar: Es kann nicht alles so bleiben, wie es ist. Die Schullandschaft im Hochwald wird sich verändern müssen. Wenn sich der Kreis Trier-Saarburg jedoch dazu entschließen würde, auf die Einführung einer Oberstufe an der Hermeskeiler IGS zu verzichten, dann bedeutet das zweierlei. Zum einen stößt der Kreis in diesem Fall vielen Eltern vor den Kopf, die zu Recht bitter enttäuscht sein werden. Zum anderen käme ein solcher Beschluss dem Eingeständnis gleich, dass der Kreis in seinem 2009 verabschiedeten Schulentwicklungsplan einer Fehleinschätzung aufgesessen ist. Denn ohne Oberstufe hätte der Kreis auch gleich auf die Einrichtung der IGS an sich verzichten können. Dann hätte er Hermeskeil besser als Standort einer großen Realschule belassen sollen. a.munsteiner@volksfreund.de

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