Knallgelber Beutel wird zum Freifahrtschein

Knallgelber Beutel wird zum Freifahrtschein

Die Konzer-Doktor-Bürgerstiftung hat ihr Projekt "Mobil in Konz" (Miko) vorgestellt. Die Idee: Wo der Öffentliche Personennahverkehr über Tag nur dünn daher tröpfelt, soll ein privates Mitfahrsystem weiterhelfen. Das Pilotprojekt wird zunächst im Stadtteil Roscheid erprobt.

Konz. Roscheid auf der Höhe über Konz mit Fernblick ins Moseltal und auf den Hunsrück ist sicher ein Premium-Wohngebiet. Doch es hat ein Manko: Der Weg hinunter zum Konzer Stadtkern ist weit und steil. Das gilt auch für die umgekehrte Richtung. Die meisten Roscheider hatten bei der Erschließung ihres Wohnumfeldes vor mehr als 30 Jahren das Auto als Transportmittel zu Arbeit, Einkauf oder Freizeitaktivitäten fest einkalkuliert. Doch viele Bewohner des Stadtteils sind in die Jahre gekommen - die Versorgungsinfrastruktur vor Ort ist dünn, das Autofahren fällt manchem schwerer, und der Weg hinunter zur Stadt wird länger und beschwerlicher.Keine regelmäßigen Busfahrten


In den Außenstadtteilen anderer Städte werden solche Probleme meist durch ein gut funktionierendes Linienbus-System mit kurzen Taktzeiten ausgeglichen. Etwa in Trier, wo die Stadtwerke mit ihrem engen Netz und kurzen Taktzeiten eine Verkehrsinfrastruktur ohne eigenes Auto garantieren. Doch Konz besitzt kein eigenes Liniennetz, und die dort vertragsgemäß anfahrende Moselbahn muss mit spitzem Bleistift kalkulieren.
Dazu Bürgermeister Karl-Heinz Frieden: "Die wollen nicht Roscheid im Stundentakt bedienen und dabei die meiste Zeit nur Luft im Bus transportieren. Das lehnen auch andere Verkehrsgesellschaften ab, denn die zahlen dabei eben drauf."
Die Verwaltung habe in den vergangenen Jahren schon einiges versucht, um die Anbindung Roscheids zu verbessern. Etwa das Sammeltaxi, das dann an mangelnder Nachfrage gescheitert sei. "Um das Sammeltaxi zu koordinieren, war die Anmeldung eine Stunde vor Fahrtantritt erforderlich. Und das war den Leuten zu unflexibel", sagt Frieden.Zielgruppe sind ältere Bürger


Um Abhilfe zu schaffen und gleichzeitig das menschliche Miteinander zu stärken, startet die Konzer-Doktor-Bürgerstiftung ihr Mitfahrsystem "Mobil in Konz" - kurz Miko. Die Grundidee erläutert der Stiftungsvorsitzende Hartmut Schwiering: "Wer selbst kein Fahrzeug hat oder keines mehr fahren kann, bewegt sich nicht mehr spontan von zu Hause weg. Unser Pilotprojekt Miko, das zwischen Roscheid und Konz-Mitte startet, soll allen bis ins hohe Alter zu Mobilität verhelfen."
Wie das Miko-System funktioniert, erklärt Stiftungsrat Werner Nägler: "Möglichst viele Autofahrer müssen unentgeltlich bereit sein, Menschen, die eine Fahrmöglichkeit suchen, im Wagen mitzunehmen." Dies diene letztlich auch der Kontaktpflege zwischen den Menschen in der Stadt.
Und wie soll das in der Praxis aussehen? Nägler und Schwiering präsentieren dazu knallgelbe Doktor-Thaler-Faltbeutel und Autoaufkleber mit dem Logo "Konz schlägt Brücken".
Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht, trägt sichtbar den gelben Faltbeutel. Er kann sich damit zwischen Roscheid und Konz an Bushaltestellen oder anderen sicheren Halteplätzen aufstellen. Die Autofahrer signalisieren ihre Bereitschaft durch den Aufkleber. Einzige Voraussetzung: Mitnehmer und -fahrer müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Rechtlich funktioniert das wie andere unentgeltliche Mitfahrten in einem Privatauto, bei der die Mitfahrer durch die Haftpflichtversicherung des Halters abgesichert sind. Damit das Projekt beginnen kann, sind laut Schwiering mindestens 100 "Mitholer" erforderlich, die ihre Mitwirkung schriftlich erklären. Derzeit lägen rund 40 feste Zusagen vor, es fehlten für den Start also noch 60.
Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt, dass die Fahrer nicht das Problem sind. Bei einem ähnlichen Projekt in der Verbandsgemeinde Schweich hapert es an Mitfahrern (siehe Extra).
Wer mitwirken will, kann einem Info-Faltblatt ausfüllen oder sich online auf der Hompage www.Konzer-Doktor-Buergerstiftung.de melden.Meinung

Den Versuch ist es wert
Die Idee der Bürgerstiftung ist einfach wie einleuchtend: Warum mit dem leeren Auto durch die Gegend fahren, wenn gleichzeitig autolose Zeitgenossen mangels Busangebot nicht wissen, wie sie mal eben von A nach B kommen. Beim Miko-Projekt zeigen beide Seiten durch Autoaufkleber und gelbe Faltbeutel ihre stille Übereinkunft an, den Rest des Weges gemeinsam zurückzulegen. Ob sich Miko als Roscheider Pilotprojekt auch praktisch bewährt, wird sich zeigen. Die Mindestzahl der zur Mitnahme bereiten Autofahrer könnte bald erreicht sein. Die Frage bleibt, wie das Angebot bei denen ankommt, an die es sich richtet. In der Regel dürften dies ältere Menschen sein, von denen viele so ihre Vorbehalte und Bedenken haben. Hinzu kommt bei ihnen die Ungewissheit, ob gerade einer im Auto vorbeikommt, der in die gleiche Richtung will. Die Miko-Idee muss sich erst in den Köpfen verankern. Aber den Versuch ist es auf jeden Fall wert. trier@volksfreund.deExtra

Die Projektpartner des Miko-Projekts sind dieselben Partner wie beim Konzer-Doktor-Thaler: Der Konzer Stadtmarketingverein, die Sparkasse Trier und die Volksbank Trier, die Stadt Konz und die Aktionsgruppe "Aktiv im Alter". Hinzu kommt die Redaktion der Stadtteilzeitung RORE - Das Hügelblat. Die Infoblätter, die Aufkleber und die gelben Signal-Faltbeutel gibt es für einen/zwei Euro im Konzer Rathaus, in allen Filialen der Sparkassen Trier und der Volksbank Trier sowie in vielen Geschäften. f.k.Extra

Der "Mitholer" ist ein Mitfahrsystem an der Mosel, das im Herbst 2013 an den Start ging und rund 30 000 Euro gekostet hat. Bürger aus Schweich, Longuich und Fell, die kein eigenes Auto besitzen oder es nicht nutzen wollen, können sich in ihrem Gemeindebüro oder auf der Internetseite www.mitholer.de registrieren lassen. Dann erhalten sie ein Startpaket, bestehend aus einem Ausweis mit Kennnummer und einer Stofftasche, auf der groß das orange-grüne Mitholer-Logo zu sehen ist. Mit Tasche oder Ausweis als Erkennungszeichen stellen sich dann diejenigen, die gerne von ebenfalls registrierten Fahrern mitgenommen werden wollen, an die Straße. Neun feste Mitnahmestellen sind eingerichtet worden. Nach fast zwei Jahren fällt die Bilanz des Mitfahrsystems ernüchternd aus: An "Mitholern" fehlt es nicht, aber es mangelt an Nachfragern. alf