Königliche Lese

Über die Arbeit in den Weinbergen gerät die saarländische Obermoselweinkönigin ins Schwärmen. "Wenn Not am Mann ist, bin ich da", sagt die 19-Jährige, die in wenigen Tagen ein Studium in Landau beginnt.

Sehndorf. Ganz allmählich gewinnt die Sonne an diesem Morgen von Westen her Oberhand, die zähen, grauen Schwaden weichen nach und nach. Für das Farbenspiel am Himmel haben die 20 Erntehelfer im Kreckelberg keinen Blick - wohl aber für die Trauben, die dunkel aus den mattgrünen Blättern hervorleuchten. Seit ein paar Stunden stehen Lisa Petgen und die Gruppe aus dem nahen Lothringen mit Scheren und Eimern im Hang, um den Spätburgunder zu ernten.
Ausdauer und Gefühl


Statt des eleganten blauen Abendkleides mit Glitzerkorsage, mit der die charmante Sehndorferin seit ihrer Krönung Ende August bei Auftritten glänzt, trägt die Obermoselweinkönigin bei der Arbeit im elterlichen Betrieb Jeans, T-Shirt, Anorak und Gummistiefel. "Von Kindheit an helfe ich im Weinberg - und das sehr, sehr gerne", verrät die aparte Hoheit. "Kein Wunder, als Tocher einer Winzerfamilie", schmunzelt die 19-Jährige, die sich anschickt, in Landau Politik und Chemie für Lehramt zu studieren. "Traubenherbst" hat sie die Wochen der Lese getauft - für sie die fünfte Jahreszeit.
Vor jedem Rebenstock das gleiche Prozedere: Bücken, dürre Äste abschneiden, Trauben mit der Schere trennen, in den Eimer fallen lassen. Faule und vertrocknete Beeren entfernen - eine Arbeit, die Ausdauer und Fingerspitzengefühl abverlangt. Nachdenklich betrachtet sie die reifen Beeren in ihrer Hand. "Zwar hat sich durch den nasskalten Frühsommer alles um einige Wochen verzögert. Doch dank sonnigem Juli-Start und dem wunderschönen Sommer und den warmen Herbsttagen, die folgten, holten die Reben den Rückstand mit Riesenschritten auf." Daher erwarten die Winzer nach ihren Worten eine sehr gute Qualität. Den Beweis für ihre Behauptung liefert ihr ein Blick durch das Refraktometer. Das Gerät misst anhand der Lichtbrechung, wie viel Grad Öchsle in der Traube steckt. 92 Grad Öchsle weist die künftige Gymnasiallehrerin bei dieser Traube nach. Für einen Moment schaut sie zu, wie Karl-Heinz Jacobs, einer der Festangestellten des Weinguts Petgen-Dahm, mit schlafwandlerischer Sicherheit den Traktor durch die Weinstockreihen lenkt - immer zur Stelle, volle Eimer auszuladen, leere bereit zu stellen. Derweil karrt Ralf Petgen, Vater der Weinkönigin, mit seinem Traktor die zigste Fuhre der Lese in den Weinkeller. "Mein Papa ist der einzige saarländische Saar-Winzer", sagt die sympathische Hoheit stolz. "Denn wir haben auch einen Weinberg auf Ayler Kupp." Keine Frage, dass sie auch in den Steilhängen rackert. "Bei dieser hohen Steigung ist nur Handarbeit möglich", gesteht sie - trotz aller modernen Technik, die in den Weinbergen Einzug gehalten hat. "Die Erntevollhelfer haben sich enorm verbessert, so dass man keinen Unterschied mehr erkennt, ob die Lese von ihnen oder von Hand vorgenommen worden ist", sagt sie - eine Aussage, die das Winzerehepaar Ralf und Brigitte Petgen bestätigen.
Chardonnay-Lese startet


Mittlerweile haben die Helfer die Lese des Spätburgunders beendet, starten mit der Lese des Chardonnays. 15 Hektar Rebfläche zählt die Familie als ihr Eigen. "Das ist soviel wie 30 Fußballfelder", sagt Lisa, die ihr Arbeitsfeld für kurze Zeit tauscht. Im Weinkeller nun Vater Ralf geht sie beim Bearbeiten des Spätburgunders zur Hand. "Die Burgunderweine haben die gleichen Bodenverhältnisse wie im Burgund. Sie gedeihen auf Kalkmuschelböden. Auch das Wetter ist wie in dieser bekannten, französischen Weinanbauregion", verrät sie. Vater Ralf nickt zustimmend. Jetzt hofft sie, dass die Eisweinlese in die studienfreien Zeit fällt, damit sie mithelfen kann. "Winzer sind das ganze Jahr draußen. Gegen die Eiseskälte mummelt man sich ein." mst