Kostenexplosion beim Dorfladen

Bei den Arbeiten am Manderner Dorfladen plus Gemeindebauhof sind die Kosten laut Ortschef Tim Kohley (CDU) "aus dem Ruder gelaufen". Statt 550 000 Euro wird das Projekt wohl 800 000 Euro verschlingen, hieß es am Mittwochabend im Rat. Die Gemeinde sieht "erhebliche Planungsfehler" und geht deshalb juristisch gegen den Architekten vor. Die Kosten sind beim Dorfladen aber nicht das einzige Problem.

Mandern. Auf der Baustelle in der Manderner Schulstraße geht es mit den Arbeiten weiter. Damit sind die positiven Aspekte beim Umbau des Hauses, in dem Dorfladen und Gemeindebauhof ihren Platz finden sollen, abgehakt. Ansonsten prägten Hiobsbotschaften die Ratssitzung.
Die Schlimmste betraf die Kosten: Der neue Ortsbürgermeister Tim Kohley - vorher selbst CDU-Ratsmitglied - informierte darüber, dass er in den vergangenen Wochen viele Rechnungen von Firmen erhalten und er sich deshalb mit Mitwirkenden des Bauamts der Verbandsgemeinde Kell einen Überblick über die Kostenentwicklung verschafft hat.
Das Ergebnis: Laut Kohley muss damit gerechnet werden, dass es beim Bauvorhaben einen Preissprung von satten 45 Prozent geben wird. Statt 550 000 Euro steht nun ein Betrag von 800 000 Euro im Raum. Nach Auffassung des Ortschefs seien "erhebliche Planungsfehler" für diese Kostenexplosion verantwortlich. Einige Gewerke seien in der ursprünglich vom Architekten vorgelegten Kostenaufstellung vergessen worden. Genannt wurden im Rat etwa die 43 000 Euro teuren Verputzerarbeiten. Kohley betonte, dass er mit dem Architekten gesprochen und ihm klargemacht habe, dass er als Ortsbürgermeister dazu verpflichtet sei, finanziellen Schaden von der Gemeinde abzuwenden. Deshalb wird sie wegen der Mehrkosten Regressansprüche beim Planer geltend machen und einen Rechtsanwalt einschalten. Dagegen gab es im Rat keine Einwände. Das Gremium hatte auch früher das Dorfladen-Projekt stets einstimmig mitgetragen.
Der betroffene Architekt aus der VG Kell wollte sich gestern auf TV-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Nur so viel: Die Summe von 250 000 Euro sei zu hoch gegriffen. Verärgert zeigt er sich darüber, dass Kohley ihn von der Sitzung ausgeladen habe.
Abgesehen von den Kosten gibt es beim Dorfladen, zu dem ein Café mit Außenterasse sowie ein Mehrzweckraum für Veranstaltungen gehören, aber noch mehr Komplikationen. Bisher ist es nach wie vor nicht gelungen, einen Pächter und Betreiber für das Geschäft zu finden.Sieben Leute für den Laden nötig



Deshalb will der Rat nun zu einer Idee aus der Anfangszeit des Projekts zurückkehren: die Gründung einer Genossenschaft. Ihr würde die Gemeinde den Laden mietfrei zur Verfügung stellen. Die Bürger von Mandern könnten Anteile an dieser Genossenschaft erwerben, die das Geschäft später bewirtschaftet.
Mindestens sieben Leute aus dem Dorf, die auf 450-Euro-Basis bezahlt würden, wären für den Betrieb des Ladens nötig, so Kohley. Dieses Modell soll ein Fachmann der Volksbank am 14. Januar 2015 zunächst dem Rat und dann am 28. Januar 2015 bei einer Bürgerversammlung vorstellen. Markus Alten (CDU) unterstützte den Vorschlag: "Wir haben genug Versuche gemacht, einen Betreiber zu finden. Diesen Pfad brauchen wir nicht mehr weiterzugehen." Helmut Scherer (SPD) sagte zum Dorfladen: "Wir können reden, wie wir wollen. Wir müssen schauen, dass wir das Projekt wieder in ruhiges Fahrwasser bringen." Laut Kohley ist es Ziel, dass der Laden im zweiten Quartal 2015 eröffnet wird.Meinung

Umdenken ist dringend nötig
Ob Elbphilharmonie in Hamburg und Berlins Haupstadtflughafen im Großen oder das Hermeskeiler Feuerwehrmuseum und nun der Manderner Dorfladen im Kleinen: Wenn die öffentliche Hand Projekte anpackt, liegen viel zu oft zwischen ursprünglicher Schätzung und tatsächlichen Kosten wahre Welten. Hier ist dringend ein Umdenken nötig: Angesichts leerer Kassen sollten die Politiker tunlichst die Finger von Vorhaben lassen, die - wie in Mandern - zwar ein Mehrwert für die Infrastruktur im Ort sein können und auch gut gemeint sind, aber anders als zum Beispiel der Unterhalt von Straßen oder Schulen kein Muss sind. Den Mandernern hätte übrigens das Geschehen in einem anderen Hochwaldort - in Bescheid - eine Warnung sein können. Dort hatte die Gemeinde für 450 000 Euro ein altes Haus im Ortskern umbauen lassen. Sie hatte sogar einen Betreiber für den Dorfladen. Nur war der nach einem halben Jahr mangels Nachfrage wieder weg, und das Gebäude steht seitdem leer. Klar ist: In Mandern gibt es in einem so fortgeschrittenen Stadium der Arbeiten kein Zurück mehr. Die Gemeinde muss das Projekt nun durchziehen und - wie in Hermeskeil - das Beste aus der Misere machen. Etwas einfach erscheint es aber, nun alle Schuld auf den Architekten zu wälzen. Die Frage muss erlaubt sein: Haben hier nicht auch die Kontrollmechanismen versagt? Die Manderer Ratsmitglieder, aber auch die VG-Bauabteilung in Kell dürfen sich in diesem Punkt ruhig angesprochen fühlen. a.munsteiner@volksfreund.deExtra

Die Planungen für die Einrichtung eines Dorfladens in Mandern reichen bis ins Jahr 2010 zurück. Den knapp 900 Einwohnern soll damit im eigenen Ort wieder eine Einkaufsmöglichkeit für Dinge des täglichen Bedarfs gegeben werden. Der Rat hatte das Projekt nach Bürgerumfrage und Machbarkeitsstudie weiter vorangetrieben und 2012 das Gebäude der leer stehenden Bäckerei Blees gekauft. Für das Dorfladen-Projekt gibt es einen Zuschuss vom Land (132 000 Euro). Wegen der Großbaustelle im Zusammenhang mit dem Ausbau der Ortsdurchfahrt und dem Schutz vor Sturzfluten nach Unwettern hat die Gemeinde aus Investitionskrediten einen Schuldenstand in Höhe von 770 000 Euro. ax