Kurzgeschichte: Ein Tag im Grünen

Kurzgeschichte: Ein Tag im Grünen

Jaris Westram hat den ersten Platz im Kurzgeschichtenwettbewerb des Rotarier-Clubs Saarburg belegt. Der 17-Jährige wohnt in Wiltingen. Die Idee für den folgenden Text hatte er in seiner Mittagspause.

Manchmal wünschte ich mir, aus dem Boden gerissen zu werden. Und dann immer öfter, als sie dieses Haus gebaut haben. Schönes Haus. Aber nicht prollig. Ein kleiner Teich mit Goldfischen und Springbrunnen. Ein Springbrunnen umgeben von saftig grünem Rollrasen. So grünem Rollrasen, dass sogar ein Farbenblinder die einzelnen Konturen hätte ausmachen können. Die Konturen der Grashalme. Doch eine stach ganz besonders heraus. Sie war im Prinzip sehr unscheinbar, man könnte fast sagen ein bisschen verlegen, und doch fesselte sie meinen Blick mit solch einer Kraft, wie es bisher nur der Boden vermochte, mich zu fesseln. Und "sie" ist das richtige Wort, denn es handelte sich um eine weibliche Kontur. Krampfhaft überlegte ich, wie ich mich als Gentle man wohl verhalten sollte. Mich höflich vorstellen? Einen kecken Witz? Wie mache ich nur den ersten Schritt? Das war mit Abstand das größte Problem, welches ich in meiner Begeisterung glatt aus den Augen verloren hatte. Die Schnecke, die schon seit zwei Stunden neben mir versuchte vorwärtszukommen. Sie kam wenigstens vorwärts. Ich hingegen auf ewig gefesselt an meinem Platz in der Erde mit nichts außer einem Stein, der mir in der Mittagshitze Schatten bot, gelegentliche Besuche der Schnecke, nervigen Nachbarn in meiner Büschel-WG, jedoch mit dem Ausblick auf das schönste Hälmchen auf der ganzen Wiese. Meine tiefe Verwurzelung, das Winden um jedes Steinchen im Erdreich, das Recken nach Wasser, ja, der Durst nach dem Überleben machte mir meinen Lebenstraum unmöglich. Das Schreiten an sich, wie das Gehen, das Schleichen, das Kriechen oder das Krabbeln. Alles komplett unmöglich für mich. Ein Ahornblatt segelte vom Himmel gen Boden herunter und landete nicht weit von mir, da spürte ich es. Ein Wind kam auf und wehte das Blatt noch weiter weg, der Wind wurde stärker, und mehr Blätter begleiteten ihn. Die Luft zerrte an mir, ich gab mich ihr vollends hin, während die anderen versuchten, sich an dem zu halten, was sie fassen konnten. Ich spürte, wie ein noch ganz junger Halm neben mir panisch seine Wurzeln weiter ausbreitete und eine der meinen dabei umschlang. Mir gab das nicht viel mehr Halt, doch von diesem hatte ich ja auch so schon genug, und so blieb ich, wo ich zu bleiben gewachsen war. Natürlich hätte ich die Schnecke fragen können, ob sie mich abknabbern und zum Hälmchen herübertragen würde, jedoch sind Schnecken im Allgemeinen ja eher schleimig, und ich ekelte mich vor Schleim. Außerdem, bis die Schnecke mich zu meinem Hälmchen gebracht hätte, wäre ich längst vertrocknet, und wer möchte schon einen vertrockneten Halm auch nur anschauen. So entschied ich mich dagegen. Dafür hatte ich eine neue Idee. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich darauf, meine Wurzeln in ihre Richtung wachsen zu lassen. Ich dachte, wenn ich schon nicht bei ihr sein kann, so könnte man es wenigstens mit etwas Würzelchenhalten versuchen. Ich strengte mich an, so gut ich konnte, doch zu meiner Verzweiflung war es gar nicht so leicht wie gedacht, sich zwischen Erde, anderen Wurzeln und dem ein oder anderen Wurm zurechtzufinden. Und ich wusste ja auch nicht genau, welche Wurzeln die ihrigen waren und welche nicht. Doch dies störte mich nicht, und so kämpfte ich mich weiter durch den Dreck, immer wieder ein peinlich berührtes "Entschuldigen Sie" oder entschuldigendes Wurzelzeichen abgebend, bei jeder Berührung von fremden Wurzeln. Und dann endlich. Drehte sie sich um. Ich hatte gerade eine neue Wurzel berührt, wollte schon eine entschuldigende Geste machen, da sah ich, wie sich nicht irgendein Halm oder Hälmchen zu mir umdrehte, sondern sie. Das Hälmchen meiner Träume. Ich guckte natürlich sofort weg, nur um dann direkt wieder zu ihr zu schauen und mich mit Blicken, denn für Worte war sie zu weit weg, für mein ungestümes Verhalten zu entschuldigen. Sie lief leicht rot an, was ein bisschen komisch, aber dennoch süß aussah, da sie nun etwas bräunlich um die Halmspitze war. Ich kam nicht umhin zu lächeln, und zu meiner Überraschung erwiderte sie es. Langsam, ganz vorsichtig, wiegte ich mich im Wind, um ihr zu winken, wenn sie es als solches deuten wollte oder, falls nicht, sie es nur für einen Zufall hätte halten können. Doch wieder tat sie es mir gleich, und so winkten wir uns, im Wind wiegend, gegenseitig zu. Sie hatte wunderschöne grüne, dunkle, tiefe Augen, wenn auch ihr Gesicht insgesamt etwas platt sein mochte, was aber in unserer Gattung normal war. Dies mochte auch der Grund sein, warum sich so viele Halme in ein Weizchen oder Gerstchen verguckten. Doch für mich war sie perfekt. Ein Igel mit wirklich schönen, ordentlich gestriegelten Stacheln kam vorbei und lief zwischen uns hindurch, und für den einen Moment, in dem ich sie nicht sah, hatte ich Angst, sie zu verlieren. Ich hatte Angst, dass sie mich nicht mehr beachten würde oder, schlimmer noch, nicht mehr da sein würde. Angst, dass sich ihre Wurzel von der meinigen lösen könnte und mir, nachdem der Igel den nächsten Schritt mache, mein Hälmchen genommen sei. Doch meine Bedenken sollten unbegründet sein, und unsere Blicke fingen sich wieder auf. Wo sollte sie auch hin. Ihr Schicksal war meinem sehr ähnlich, obwohl, wie ich gehört hatte, man bei Rollrasen schon etwas mehr aufpassen müsse. Wie dem auch sei. Ich war glücklich, jemanden zu haben, mit der ich Blicke, Gefühle teilen konnte. Nicht zu vergessen das Wurzelkuscheln. Das wurde zu meiner Lieblingsbeschäftigung, denn es war wirklich etwas, was man machen konnte, im Vergleich zu dem, was ich so gemacht hatte, bevor ich sie kennengelernt habe, nämlich nichts. So lebten wir Wurzel an Wurzel, bis irgendwann etwas anders war. Ihr Blick verfestigte sich hinter mir, und so drehte ich mich um, nur um mit Entsetzen festzustellen, dass ein monotones Brummen eingesetzt hatte, und sich ein viereckiger Kasten die halbe Wiese weiter hin und her bewegte. Geschrei wühlte die Halme auf und langsam brach Panik aus. Mit einschneidenden Geräuschen hörte ich jedes Trimmen, jedes Kürzen. Der Tod, wie wir ihn nannten, kam immer näher, und ich fand das nicht wirklich fair, wo ich doch gerade mein Hälmchen gefunden hatte und mit ihr glücklich war. Vielleicht würde er mich ja verschonen und ich würde einer der großen, die den Tod überwunden hatten, inmitten von ganz vielen Neugeborenen sein. Als er dann aber genau auf mich zusteuerte, wusste ich, dass dies eher unwahrscheinlich sein würde. Ich packte mein Hälmchen also ganz fest bei der Wurzel, kniff zu, was ich an Augen hatte. Und für diesen einen Moment herrschte Stille. ZIPP.

In hohem Bogen flog ich durch die Luft. Ein Gefühl von unendlicher Freiheit überkam mich. Ich sah die ganze Wiese. Aus einem ganz anderem Blickwinkel und freute mich daran. Da ich mich so zu ihr gestreckt hatte, flog ich in Richtung meines Hälmchens und landete direkt neben ihr. Bis ich vertrocknet war, hatten wir noch ein paar Stunden. Es waren die schönsten Stunden meines ganzen Lebens. Und sie verdunstete Träne um Träne um mich.Extra: WEITERE GEWINNER DES WETTBEWERBS


(nhl) An dem Kurzgeschichtenwettbewerb der Saarburger Rotarier haben über 60 Schüler teilgenommen. Die drei Bestplatzierten stammen vom Konzer Gymnasium. Neben Jaris Westram, dessen Kurzgeschichte hier zu lesen ist, gehören auch Hannah Disch und Elena Marxen zu den Siegern. Der Rotarier-Club hat den Wettbewerb bereits zum 13. Mal ausgerichtet.