Levi gehört zu den Letzten: Geburtshilfe macht Pause
Saarburg · Der wohl intensivste Moment des Lebens - die Geburt des Kindes - wird in Saarburg ab 1. November erst einmal nicht mehr zu erleben sein. Denn die Entbindungsstation schließt vorübergehend. Grund sind personelle Engpässe und neue Richtlinien in der Geburtshilfe, die so nicht mehr gewährleistet wären.
Levi hat Hunger und tut das auf dem Arm seiner Mutter lautstark kund. Das Baby ist erst ein paar Tage alt, da hilft nur schreien, um sich mitzuteilen. Geboren wurde Levi im Kreiskrankenhaus St. Franziskus Saarburg - so wie viele andere Kinder. 210 waren es im vergangenen Jahr.
Doch Schreie wie die von Levi werden dort bald vorerst nicht mehr zu hören sein. Denn der Aufsichtsrat des Saarburger Krankenhauses hat am Dienstagabend in Abstimmung mit der Geschäftsführung und dem Direktorium entschieden, die Entbindungsstation zu schließen - zwar nur vorübergehend, aber zunächst einmal auf unbestimmte Zeit.
"Die Schließung ist aber auf keinen Fall dauerhaft", betont Thomas Müller, Pressesprecher der Kreisverwaltung. Der Landkreis Trier-Saarburg ist Träger des Krankenhauses.
Hintergrund der Entscheidung ist eine neue Richtlinie in der Geburtshilfe. Seit 1. Juli ist vorgeschrieben, dass ein Arzt binnen zehn Minuten, eine Hebamme binnen fünf Minuten in einem Notfall bereitstehen muss.
Dies ist in Saarburg aber zurzeit nicht möglich. Denn es gibt nicht genügend Ärzte und Hebammen, um den Betrieb nach diesen Vorgaben verantwortungsvoll zu gewährleisten. Von den einst drei Belegärzten der Station ist ab 1. November nur noch einer übrig. Einer der Ärzte sei vor kurzem aus dem Dienst ausgeschieden. Der zweite gibt nun als Geburtshelfer auf, weil die Arbeitsbelastung zu groß ist. Und zwei Hebammen haben ebenfalls vor kurzem ihren Einsatz im Krankenhaus beendet. Aus sehr persönlichen Gründen, wie Müller betont.
"Es ist somit im Notfall nicht zu gewährleisten, dass rechtzeitig Hilfe da ist. Und das können wir nicht verantworten", sagt der Kreissprecher. Sowohl Belegärzte als auch Hebammen sind keine Angestellten des Krankenhauses, sondern Freiberufler mit eigener Praxis.
Nicht betroffen von der Schließung ist die Gynäkologie. Operationen und sämtliche Untersuchungen sind weiterhin möglich.
"Zumindest für die kommenden drei Monate werden die Strukturen auf der Entbindungsstation aufrechterhalten", sagt Krankenhaus-Geschäftsführer Holger Brandt. Das heißt: Die beiden Kreißsäle bleiben, wie sie sind, und auch das Personal bleibt - selbst wenn die Station noch länger geschlossen bliebe, sind die Arbeitsplätze der Säuglingsschwestern nicht in Gefahr.
Das Krankenhaus will aber unbedingt den Betrieb fortführen - mit den verbliebenen und neuen Leuten. "Wir sind schon auf der Suche und haben Anfragen bei der kassenärztlichen Vereinigung laufen", sagt Brandt. Man versuche, Fachärzte nach Saarburg zu locken und ihnen Belegarztverträge anzubieten.
Bis es so weit ist, müssen Frauen, die eigentlich in Saarburg entbinden wollten, auf die umliegenden Krankenhäuser in Trier, Merzig oder Hermeskeil ausweichen (siehe Extra).
Meinung
Tiefer Einschnitt in die Versorgung
Von Julia Kalck
Klar, es gibt im Umkreis von rund 40 Kilometern noch andere Krankenhäuser, in denen Kinder auf die Welt kommen können. Dennoch ist die vor-übergehende Schließung der Geburtshilfeabteilung des Saarburger Krankenhauses ein tiefer Einschnitt in die ärztliche Versorgung vor Ort.
Denn für viele werdende Eltern aus dem Raum Saarburg ist es nun unter Umständen wesentlich weiter, sich am entscheidenden Tag in sichere Hände zu begeben. Mal ganz davon abgesehen, welch emotionale Entscheidung hinter der Wahl des Geburtsortes steckt. Die Tatsache, dass trotz vorhandener Infrastruktur zu wenig Personal da ist, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, zeigt einmal mehr, wie schnell die Versorgungslage gerade in der Provinz prekär werden kann.
Einfach wird es angesichts dieser Entwicklung nicht werden, genügend neue motivierte Leute zu finden, die sich die zusätzliche Belastung im Krankenhausdienst antun möchten und können. Es bleibt daher zu hoffen, dass aus der Pause nicht doch noch ein endgültiges Aus wird.
j.kalck@volksfreund.de
Extra
Im Saarburger Krankenhaus sind im vergangenen Jahr 210 Kinder zur Welt gekommen. Auf der Station besteht bislang die Möglichkeit, rund zehn Neugeborene zu versorgen.
Ab 1. November müssen werdende Eltern auf folgende Entbindungsstationen ausweichen (in Klammern: ungefähre Entfernung von Saarburg)
Trier: Mutterhaus der Borromäerinnen (24 Kilometer), Evangelisches Elisabeth-Krankenhaus (25 Kilometer), Marienkrankenhaus Trier-Ehrang (33 Kilometer)
Merzig: Klinikum (25 Kilometer)
Hermeskeil: St. Josef-Krankenhaus (43 Kilometer)
jka