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Mehr Schüler mit Förderbedarf als vor fünf Jahren

Kostenpflichtiger Inhalt: Bildung : Die Schülerzahl sinkt, der Förderbedarf steigt

Immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen Schwerpunktschulen in der Region Trier. Der TV nennt mögliche Ursachen für diese Entwicklung. In Wiltingen wächst hingegen eine Förderschule beständig.

Eltern von Kindern mit Förderbedarf – egal, ob dieser aus körperlichen oder geistigen Gründen vorliegt –, haben seit 2014 die Wahlfreiheit. Seitdem ist im rheinland-pfälzischen Schulgesetz verankert, dass sie sich aussuchen dürfen, ob ihre Kinder in eine Förderschule gehen, die ausschließlich Kinder mit Förderbedarf besuchen. Oder ob sie eine Schwerpunktschule bevorzugen, also eine Regelschule, die mit zusätzlichem Personal für förderbedürftige Kinder ausgestattet ist. Die Zahl der Schüler mit Förderbedarf steigt vor allem an Schwerpunkt­schulen, doch eine Förderschule, im Kreis Trier- Saarburg hat besonders stark zugelegt.


Die Statistik Die Schülerzahlen im Schulbezirk Trier sind insgesamt zurückgegangen von 93 191 auf 89 058 (minus 4,4 Prozent). Die Zahl der Förderschüler hat sich hingegen nach oben entwickelt von 3672 auf 4097 (plus 11,6 Prozent). Während ihre Zahl an Förderschulen eher stagniert, wächst sie an Schwerpunkt­schulen beständig. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier, von der die Zahlen stammen, sagt auf TV-Anfrage, dass sie keinen Grund für die Zahlen liefern könne. Der TV hat sich deshalb auf die Suche nach den Ursachen für diesen Trend begeben (siehe Grafik).

Wachsende Förderschule Die Zahlen sprechen für sich: 2008/09 hatte die Don-Bosco-Schule in Wiltingen noch 90 Schüler. Im Schuljahr 2019/20 sind es 152. Damit sticht die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und Sprache heraus. Denn während die Schülerzahlen dort innerhalb von zwölf Schuljahren um rund 55 Prozent gestiegen sind, stagnieren sie eher an den anderen sechs Förderschulen für Kinder aus dem Trier-Saarburger Kreisgebiet (2008/09: 505, 2019/20: 526). Wegen der Steigerung der Zahlen wird die Schule ausgebaut (siehe Info).

Verwaltungssicht Martina Bosch, Pressesprecherin der Trier-Saarburger Kreisverwaltung, betont auf TV-Anfrage die Rolle der Eltern. „Die Eltern entscheiden, in welchem System sie die besten Fördermöglichkeiten für ihr Kind sehen“, sagt Bosch. Bei der Wahl des Förderorts spielten individuelle Fördermöglichkeiten, pädagogische Konzepte und Innovationen im Hinblick auf die gesellschaftliche Teilhabe eine wichtige Rolle. Dass sich viele Eltern im Kreis Trier-Saarburg für die Don-Bosco-Schule entschieden haben, sei vermutlich deren ausgeprägter Orientierung auf den Beruf geschuldet. Bosch sagt: „Im Bereich der Berufsorientierung wurde die Don-Bosco-Schule durch die Nikolaus-Koch-Stiftung und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung ausgezeichnet.“

Elternsicht Rainer Schladweiler aus Temmels, Vorsitzender des regionalen Elternbeirats, spekuliert, dass viele Eltern denken, die Kinder könnten an den Förderschulen individueller unterstützt werden als an Schwerpunktschulen. „Ob dies so ist, kann ich nicht beurteilen. Das müssen die Eltern für sich entscheiden“, sagt Schladweiler. Hinzu komme, dass die Schwerpunktschulen in der Regel größere Klassen haben und oft Förderkräfte fehlten. Das gefalle den Eltern nicht.

Zudem müssten Schwerpunkt­schulen auf genügend Schüler mit Förderbedarf kommen, damit sie die sonderpädagogischen Ressourcen erhalten. Laut Schladweiler wird deshalb mehr Kindern als früher Förderbedarf zugesprochen. Hintergrund dieser Aussage ist die Formel, über die den Schulen Förderwochenstunden zugewiesen werden. Je nach Anzahl der Klassen pro Jahrgang bekommt eine Schule einen Personalgrundstock. Pro Förderschüler gibt es 0,2 Wochenstunden zusätzlich.


Lehrersicht Sina Fabian, Gewerkschaftssekretärin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Trier, sieht zwei Bereiche, die bei der Frage nach den Ursachen für zusätzlichen Förderbedarf berücksichtigt werden müssten: die frühkindliche Bildung im Kindergarten und die Personalpolitik an Schulen. Die Früherkennung und Beratung im Kindergarten sei systematischer als früher, sagt Fabian. Die Zusammenarbeit mit den Eltern sei über Entwicklungsgespräche und Gutachten ausgebaut und insgesamt politisch forciert worden. Die Sprach­entwicklung stehe stärker im Mittelpunkt. Deshalb werde der Förderbedarf im Kindergarten eher erkannt.

Schülerzahlen für Schulaufsichtsbezirk. Foto: TV/Schramm, Johannes

Die Personalpolitik spiele ebenfalls eine Rolle: Angesichts des hart umkämpften Arbeitsmarktes für Förderpädagogen achten die Schwerpunktschulen laut Fabian sehr genau darauf, dass sie jeden Bedarf für Förderung anmelden, der da ist. Nur so schafften die Schulen es, den vorhandenen Bedarf abzudecken.

Lösungsvorschlag 
Regional­elternsprecher Schladweiler denkt, dass die Situation nur zu verbessern sei, indem an Schwerpunktschulen flächendeckend multiprofessionelle Teams eingesetzt würden. Solche Teams bestehen aus Lehrern und Sozialpädagogen oder Sozialarbeitern. Diese Teams könnten „Problemschüler“ besser fördern, sagt Schladweiler. „Denn es sind auch hochbegabte Kinder, denen man je nach Situation auch ein sonderpädagogisches Gutachten zukommen lässt.“ Die Folgerung: „Wenn die Verantwortlichen im Landtag dafür sorgen, dass wir flächendeckend ‚Multiprofteams’ erhalten, werden Erweiterungsbauten an Förderschulen nicht notwendig sein.“