Mit dem Kletterseil gegen Gewalt

TABEN-RODT. "Wer nichts tut, macht mit!" – mit diesem Slogan wirbt die Polizei für mehr Zivilcourage in der Bevölkerung. Doch wer sich einmischen will, braucht außer Mut vor allem Selbstvertrauen – und das ist lernbar. Schülerinnen und Schüler der Propstey St. Josef in Taben-Rodt machten vor, wie es geht.

Joachim Jost ist Lehrer an der Hauptschule der Propstey St. Josef in Taben-Rodt. Der Pädagoge weiß: "Defizite hinsichtlich Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen sind weit verbreitet." Das Fehlen dieser und anderer sozialer Kompetenzen führe - abgesehen von Lernproblemen - bei Konflikten innerhalb einer Gruppe dazu, dass Gewalt als vermeintlich einzige Lösungsmöglichkeit anstelle eines klärenden Gesprächs herangezogen werde. Wenn "Fäuste fliegen", wenden Zeugen sich ab

"Der Verlust von Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten infolge schulischen Misserfolgs erhöhen zusätzlich die Bereitschaft, die Fäuste ‚sprechen' zu lassen", sagt Jost. Kommt es schließlich "hart auf hart", wenden sich jene, die die Szene beobachten, nicht selten ab - ob auf dem Schulhof oder mitten in der Stadt. Gründe dafür gibt es viele. Da ist beispielsweise die Furcht, selbst zum Opfer zu werden, ferner bloßes Desinteresse am Geschehen. Vor einigen Jahren hat die Polizei deshalb die Initiative "Wer nichts tut, macht mit!" ins Leben gerufen. Plakate und Aufkleber mit provozierenden Texten sowie unterschiedliche Aktionen werben seither für mehr Zivilcourage in der Bevölkerung. Angesprochen sind hauptsächlich jene, die Zeugen eines Gewaltdelikts werden. Doch auch die Vorbeugung steht auf dem Programm. Zur Teilnahme an der Gewaltpräventionswoche der Polizei hatten sich Schüler der Hauptschule der Tabener Propstey etwas Besonderes ausgedacht. Titel ihres Projekts: "Propstey-Trophy". Mehrere Stunden lang streiften die Siebt- bis Neuntklässler gruppenweise durch den Tabener Wald. Ihr Ziel war, verschiedene Aufgaben innerhalb eines Parcours zu lösen. Beispielsweise mussten die jungen Leute mithilfe eines zwischen Bäumen gespannten Seils eine kleine "Schlucht" überqueren oder einigermaßen sicher eine "Wackelbrücke" passieren. Im Mittelpunkt stand dabei weniger die sportliche Leistung des Einzelnen als vielmehr die Fähigkeit, in der Gemeinschaft zu agieren. Konkret: "Die jungen Leute müssen gemeinsam Strategien entwickeln, um die ihnen gestellten Aufgaben meistern zu können", erläuterte Jost. Einzige Möglichkeit, das zu bewerkstelligen: "Man muss miteinander sprechen." Selbstvertrauen durch gemeinsamen Erfolg

Zudem sei es erforderlich, sich in stressigen Situationen zusammenzuraufen, um Meinungsunterschiede überwinden zu können. Hauptziel der Übung war, den Schülern aufzuzeigen, dass Gewalt nicht das einzige Mittel zur Lösung eines Problems ist. "Der gemeinsame Erfolg trägt wesentlich zur Entwicklung von Selbstvertrauen bei", so Jost, der für die Organisation des Projekts zuständig war. Die von der Gemeinschaft der Pallottiner geführte Hauptschule der Propstey, der auch eine Grundschule angegliedert ist, setzt bei ihrem Konzept zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit didaktischen und emotionalen Defiziten seit Jahren auf Erlebnispädagogik. Vor einiger Zeit wurde auf dem Gelände der Propstey deshalb unter anderem ein so genannter Hochseilgarten angelegt. Bei sportlichen Übungen mit Kletterseilen stehen die Arbeit im Team, das Erlangen von Kommunikationsfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz als Grundlage erfolgreichen Lernens im Mittelpunkt.

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