Mordprozess: 27-Jähriger Saarburger steht in Köln vor Gericht, weil er Bedienung im Pizza-Imbis getötet hat
Köln · Der 27-jährige Saarburger, der im November vergangenen Jahres im Kölner Hauptbahnhof eine Bedienung eines Pizza-Imbisses erstochen hat, hat sich bei den Angehörigen des Opfers entschuldigt. Seit Dienstag muss er sich vor dem Kölner Landgericht wegen Mordes verantworten.
Unaufhörlich klicken die Kameras, als ein Justizbediensteter den in Jeans und schwarzem Hemd gekleideten Angeklagten in einem Nebeneingang in den Saal 7 des Kölner Landgerichts führt. Sein Gesicht hat der 27-Jährige Saarburger hinter einem weißen Aktenordner versteckt, den er auch nicht wegnimmt, als er sich neben seinen Verteidiger Ingmar Rosentreter setzt.
Erst als die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath die Hauptverhandlung in dem stickig, schwülen Gerichtssaal eröffnet und die Dutzende von Kameraleute hinausgehen, zeigt er sein Gesicht. Es wirkt knochig, eingefallen, bleich. Die Haare hat der 27-Jährige kurz geschoren. Er wirkt nervös, spielt ständig mit seinen Händen. Zu Anfang blickt in den voll besetzten Zuschauersaal. Lächelt und nickt jemand zu. Angeblich ist seine Freundin anwesend. Die Frau, die er am 21. November vergangenen Jahres besuchen wollte. Im niedersächsischen Eschede.
Der 27-Jährige hat sich an dem Freitagmittag in Saarburg in den Zug gesetzt, um zu ihr zu fahren. Seine ganzen Ersparnisse, 1800 Euro, habe er dabei gehabt, lässt er seinen Verteidiger verkünden. Er habe mit seiner neuen Freundin, die er bei einem Oktoberfest kennen gelernt hat, ein neues Leben anfangen wollen. Ein Leben, das besser sein sollte, als sein bisheriges. Der gebürtige Trierer stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen. Seinen leiblichen Vater habe er nie kennengelernt, sagt sein Verteidiger. Einen Schulabschluss hat er nicht, Ausbildungen bricht er immer wieder ab, macht später eine Dachdeckerlehre.
2006 landet der damals 19-Jährige, der mit seiner Mutter und seinem Stiefvater damals im Saarland gelebt hat, zum ersten Mal im Gefängnis. 2008 das zweite Mal. Er schlägt sich danach mit Hilfsjobs durch, arbeitet zuletzt in dem Gärtnerbetrieb seines Stiefvaters in Luxemburg. Drogen gehören offenbar zu seinem Leben. Am Wochenende habe er immer Amphetamine und Ecstasy genommen und "die Sau rausgelassen". Als Reiseproviant auf der Fahrt nach Eschede hat er mehrere Halbliter-Dosen Bier eingepackt und einige davon auch schon im Zug nach Köln getrunken. Um die 1800 Euro zu schützen, habe er ein Messer dabei gehabt. Ein Klappmesser. Klingenlänge: acht Zentimeter. Das spätere Tatwerkzeug.
Als er mittags im Kölner Hauptbahnhof ankommt, hat er noch Zeit bis sein Zug weiter fährt Richtung Hannover. Er kauft sich in einem Imbiss im Seitenflur des Bahnhofs eine Pizza. Als er diese fast schon ganz gegessen habe, soll er sich bei der Bedienung des Pizza-Imbisses beschwert haben, dass Käse in dem Rand sei. Die habe er so nicht bestellt, heißt es in der Anklageschrift. Es soll zum Streit zwischen den beiden gekommen sein. Der ebenfalls 27-jährige Mitarbeiter des Imbisses soll die Reisetasche des Saarburger aus dem Lokal geworfen haben, daraufhin soll sich der Angeklagte auf den gebürtigen Philippiner gestürzt haben und mit voller Wucht das Messer in den Oberkörper gerammt haben. Zwei Mal. Direkt ins Herz. Der Angestellte ist noch in dem Imbiss verblutet. Die Anklage spricht von niederen Beweggründen, die den 27-Jährigen zum Mörder habe werden lassen.
Sein Verteidiger bestreitet das. "Er hat niemals die Absicht gehabt, jemanden zu töten", sagt Rosentreter vor der Verhandlung. Es sei Notwehr gewesen. Er sei von dem Imbissmitarbeiter geschubst worden. Dann habe er plötzlich gesehen, dass er ein blutiges Messer in der Hand habe. Was geschehen sei, daran könne er sich nicht erinnern, sagt der Verteidiger. Es tue ihm "unglaublich leid" dass durch ihn ein Mensch ums Leben gekommen sei, liest Verteidiger Rosentreter die Entschuldigung des Angeklagten vor. "Er hat es nicht gewollt." Im Zuschauerraum ist ein Schluchzen zu hören.
Die Mutter des Opfers. "Sie ist am Ende mit ihren Kräften", sagt ihr Anwalt Marc Donay später. Er vertritt sie und die Witwe des Opfers als Nebenkläger. Die Ehefrau und Mutter der gemeinsamen vierjährigen Tochter sei noch nicht im Alltag angekommen, leide noch immer, sagt der Anwalt. Es ist zum zweiten Mal, dass sie einen Angehörigen durch ein Gewaltverbrechen verloren hat. 2007 ist ihre damals 33-jährige Schwester spurlos verschwunden. Sechs Jahre später wird der Ehemann der Vermissten zu lebenslanger Haft verurteilt, er soll sie ermordet haben.