Nach Abschiebung aus Saarburg: Rückkehr der Familie Memedov nach Trier

Kostenpflichtiger Inhalt: Familie Memedov : Der lange Weg zurück nach der Abschiebung

Die vor mehr als zwei Jahren aus Saarburg abgeschobene Roma-Familie Memedov ist über einen Antrag auf ein Arbeitsvisum nach Deutschland zurückgekehrt. Die Zeit in Mazedonien hat den Familienvater und seine Frau an ihre Grenzen gebracht.

26 Monate lang hat Familie Memedov in Mazedonien sehnlichst auf ihre Wiedereinreise nach Deutschland gewartet. Doch Sohn Medin – er war bei der Abschiebung sechs Jahre alt – wollte zunächst nicht mitkommen. „Nach Deutschland will ich nicht. Da kommen nachts die Männer in Uniform und holen einen ab“, hat er Hélène de Wolf am Telefon gesagt. Die Freundin der Memedovs, die die Familie 2014 als Flüchtlingsbegleiterin in Saarburg kennengelernt hatte, musste viel mit dem kleinen Jungen reden, um sein Vertrauen in dieses Land wieder aufzubauen.

Die Abschiebung der Familie im Mai 2017 hatte viele Menschen entsetzt (der TV berichtete). Ein 14-köpfiger Tross mit Polizisten, Beamten, einem Arzt und einem Dolmetscher war damals mitten in der Nacht in Saarburg angerückt, um die Eltern und ihre drei Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren, allesamt gut integriert, aus den Betten zu holen. Umgehend wurde die Familie nach Frankfurt zum Flieger in Richtung Mazedonien gebracht.

Zurück und gleich an die Arbeit Nun sind die Memedovs wieder da. Nicht in Saarburg, sondern in Trier. Und nicht als Asylbegehrende, sondern mit Hilfe eines Antrags auf ein Arbeitsvisum. Fatmir Memedov, der neben Deutsch fünf weitere Sprachen spricht, hat seine Arbeit als Sicherheitskraft bei der Trierer Firma Prevent umgehend wieder aufgenommen. Laut den Vorgaben durften nur wenige Tage zwischen Ankunft und Arbeitsbeginn liegen. Fatmir Memedov sagt: „Es ist gerade Hochsaison, das ist etwas anstrengend. Aber es ist gut, Beschäftigung zu haben.“

Angst in Mazedonien Die Zeit in Mazedonien sei schwer gewesen, sagt der 38-Jährige, vor allem wegen der Sicherheit. Sie hätten halb untergetaucht in Skopje gelebt. Memedov: „Wir konnten nicht arbeiten, wir konnten nicht viel rausgehen.“ Ein Taxifahrer habe sie mit Lebensmitteln versorgt. Lediglich die Kinder seien in die Schule gegangen.

Der Hintergrund: Fatmir Memedov war mit seiner Familie aus Mazedonien geflohen, weil er sich dort nicht mehr sicher gefühlt hat. Zwar hatte er als Berufssoldat gearbeitet, aber auch offen dazu gestanden, dass er der Volksgruppe der Roma angehört. Roma werden in Mazedonien laut Amnesty International in vielen Lebensbereichen diskriminiert. Memedovs Probleme in Mazedonien haben laut seiner Darstellung mit einem unberechtigten Vorwurf und einer brutalen Festnahme für zwei Tage begonnen. Weitere Bedrohungen und Übergriffe folgten. Memedov wehrte sich. Er klagte in Mazedonien und vor dem Europäischen Gerichtshof. Die Verfahren laufen noch immer. Die Familie flüchtete schließlich nach Deutschland. Dort wurde der Asylantrag von Fatmir Memedov trotz Belegen wie einem Video von der Festnahme und Attesten von Verletzungen abgelehnt.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass Mazedonien als sicheres Herkunftsland gilt. Dorthin zurückbefördert, fühlte sich  Fatmir Memedov jedoch weiterhin nicht sicher. Vor etwa einem Jahr ist er eigenen Angaben zufolge in Skopje auf dem Rückweg von seiner Anwältin von drei oder vier Männern verprügelt worden. Er vermutet die Polizeieinheit Alpha dahinter, die laut Amnesty International für Misshandlungen bekannt ist. Memedov kam mit Prellungen davon, wie ihm ein Mediziner bescheinigte. „Aber danach hatte ich noch mehr Angst, rauszugehen“, sagt er.

Was gegen die Furcht hilft Aber wie hält man es aus, 26 Monate  wie eingesperrt in einer Wohnung zu leben? Markus Schmidt, Fatmir Memedovs Chef in Deutschland, und Hélène de Wolf waren die Stützen. Memedov sagt: „Ich war mit den beiden in Kontakt. Ich habe Aufgaben bekommen und war ein wenig beschäftigt. Meine Frau Senada hat im Haushalt gearbeitet.“ Doch habe sie viele Unfälle gehabt, sei ausgerutscht, habe sich den Arm und den Fuß gebrochen. Memedov: „Es gab Zeiten, da haben wir gesagt: Es geht nicht mehr.“ Schmidt ergänzt: „Der seelische Druck war immens.“ Bei Senada sei es traumatisch gewesen. Ihre Behandlung wegen schwerer Depression in Saarburg sei durch die Abschiebung abrupt abgebrochen worden. „Lebensgefährlich“, nennt Schmidt das. „Nur durch die Unterstützung haben wir durchgehalten“, sagt Memedov.

Familie zahlt Abschiebekosten Viele Menschen haben den Memedovs geholfen und auch Geld gespendet. Bands gaben Benefizkonzerte zur Unterstützung der Familie und nahmen eine CD auf. In Trier gab es eine Demonstration mit mehr als 200 Menschen gegen die Abschiebung. Auch in der Politik hat es laut Schmidt viele Fürsprecher gegeben, dazu hätten aktuelle und ehemalige Bundestagsabgeordnete gehört. Memedov: „Ich bin all denen, die uns auf die eine oder andere Weise die Hand gereicht haben, sehr dankbar.“ Eine Feier zum Dank hat die Familie bereits ausgerichtet.

Nicht nur der Lebensunterhalt der Memedovs in Mazedonien musste finanziert werden, sondern auch die Abschiebung. Denn laut Bestimmungen muss der Abgeschobene diese Kosten vor einer Wiedereinreise übernehmen. 8746 Euro hat die Kreisverwaltung gefordert – auf einen Schlag. Schmidt kritisiert das als Geldverschwendung. Er sagt: „4127 Euro wurden allein für den Flug berechnet. Dabei hat der Rückflug für die ganze Familie gerade mal 800 Euro gekostet.“

Kritik an Behörden Markus Schmidt moniert außerdem die näheren Umstände der Abschiebung – nun, nachdem er Akteneinsicht hatte. Fatmir Memedov hatte damals einen Antrag auf Ausbildungsduldung gestellt. Für eine Ausbildung können auch abgelehnte Asylbewerber eine Duldung erhalten. Den Ausbildungsvertrag hatte Memedov schon in der Tasche. Schmidt: „Die Verwaltung lehnte den Antrag damals ab mit dem Argument, die Abschiebung sei schon eingeleitet gewesen. Aber außer einer ärztlichen Untersuchung von Senada war nichts geschehen. Flugtickets waren noch keine gekauft.“ Schmidt kritisiert auch, dass der Fachkräftemangel in diesem Fall für die Verwaltung überhaupt kein Argument gewesen sei. Zudem sei es ein ganz großes Ringen mit der Kreisverwaltung gewesen, die Befristung der Wiedereinreisesperre – eine Abschiebung ist stets verbunden mit einer Einreisesperre – zu verkürzen. Schmidt: „In Abstimmung mit der Kreisverwaltung hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Frist zunächst auf 30 Monate festgesetzt. Aber da gibt es Spielräume, auch zwölf Monate wären möglich gewesen.“

Erwiderung der Kreisverwaltung Thomas Müller, Sprecher der Kreisverwaltung, weist die Kritik zurück. Er teilt mit, dass die Abschiebung rechtens gewesen sei und keine Gründe für die Erteilung einer Ausbildungsduldung vorgelegen hätten. „Die Abschiebung – unter anderem nach der amtsärztlichen Bestätigung der Reisefähigkeit von Frau Memedov – war entsprechend der Rechtslage frühzeitig organisiert.“ Was konkret organisiert war, schreibt er nicht. Müller teilt weiter mit, dass das gesetzliche Einreiseverbot von 30 Monaten vom Bamf verfügt worden sei. Die Kreisverwaltung sei den Memedovs entgegenkommen und habe die Frist auf 24 Monate verkürzt. „Eine weitere Verkürzung schied aus“, teilt Müller mit und verweist darauf, dass er wegen des Sozialdatenschutzes die Gründe nicht nennen könne. Schmidt erklärt: „Fatmir hat wegen der Ablehnung des Asylantrags zuvor nicht Vollzeit arbeiten dürfen und deshalb Sozialleistungen erhalten.“ Laut einer Verordnung sei für einen solchen Fall die Wiedereinreisefrist für Menschen aus dem Westbalkan auf 24 Monate festgesetzt worden. Doch habe es auch an dieser Stelle Ermessensspielraum gegeben, das Integrationsministerium habe 18 Monate für vertretbar gehalten.

Bewusst nach Trier Dass Familie Memedov nun in Trier wohnt, ist kein Zufall. Fatmir Memedov sagt: „Das Gute ist: Wir haben nun nichts mehr mit der Kreisverwaltung zu tun.“ Schmidt ergänzt: „Wir haben uns vor einem Jahr an den Trierer Oberbürgermeister gewandt. Das war eine sehr positive Erfahrung, eine 180-Grad-Wende im Vergleich zum Kontakt mit der Kreisverwaltung.“ Sie seien in Trier auf offene Ohren gestoßen und hätten Hilfe erhalten.

Fatmir Memedov (rechts) wurde auch von seinem Arbeitgeber Markus Schmidt maßgeblich unterstützt. Foto: TV/Marion Maier

Groll ist kein Thema Grundsätzlich hat Schmidt das gesamte Asylverfahren und das Ringen danach desillusioniert, wie er sagt. Immer wieder hatten Memedov und seine Helfer kritisiert, dass seine Akte mit Belegen zu seiner Diskriminierung in Mazedonien beim Bamf nicht interessiert habe. Schmidt: „Da macht ein Mitarbeiter vielleicht einen Fehler und entscheidet damit über Leben und Tod.“ Auch Hélène de Wolf hat eigenen Angaben zufolge durch den Fall ein Stück weit das Vertrauen in den Staat verloren. „Ich finde es traurig, dass Menschen ihr Ermessen immer negativ ausgelegt haben, wenn es um Fatmir ging“, sagt sie. Fatmir Memedov selbst wirkt ruhig und gefasst, egal ob er von seiner Angst in Mazedonien berichtet oder von seinen Erlebnissen mit den deutschen Behörden. Auf die Frage, ob er Groll verspüre, sagt er: „Wenn etwas nicht zu ändern ist, dann muss man ruhig bleiben. Die Zeit wird das tun. Selbstkontrolle ist die beste Kontrolle.“

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