Nairobi: Schöne Landschaften – hässliche Müllkippen

Nairobi: Schöne Landschaften – hässliche Müllkippen

NAIROBI (AG) (red) Mit viel Kreativität errichten Jugendgruppen in Nairobi ein Müllentsorgungssystem. Das Projekt wird von der Universität Trier beobachtet.

Müll hat seinen Wert. Das wissen auch viele Jugendliche in den Slums von Nairobi, für die die Abfälle der Slums die Grundlage ihres Lebensunterhaltes bilden. Weit über die Hälfte der Einwohner Nairobis lebt in informellen Siedlungen, Gebieten ohne geordnete Entwicklung, ohne Status der An erkennung und ohne Fußnotenbemerkung in den Stadtentwicklungsplänen der Stadtregierung. Armut und Überlebenskampf prägen diese Stadtviertel und verwandeln sie dabei gleichzeitig in einige der dynamischsten und kreativsten Gegenden der ostafrikanischen Metropole. Die Müllentsorgung, eine der ureigensten Aufgaben der Stadtverwaltung, findet dort nicht statt. Mit Verantwortungsgefühl für die Gemeinde und dem Ziel, ein stetiges Einkommen zu erzielen, übernehmen Jugendgruppen in den Slumgebieten die Aufgaben der Stadt und erschaffen ein eigenes System der Müllentsorgung. Jeden Mittwoch und jeden Samstag beginnen Jugendgruppen wie "Extreme Impact", "Mama Africa" oder "One Love" mit dem ersten Sonnenlicht ihre Arbeit. In kleinen Gruppen ziehen sie von Hütte zu Hütte, um die Mülltüten einzusammeln und diese mit drei bis vier Mann zu einer der vielen illegalen Müllhalden, am Rande von Siedlungsbereichen oder Flussufern, zu transportieren. Nairobis Stadtregierung leidet unter stetig wachsender Kritik, denn die Aufgabe einer regelmäßigen Müllentsorgung in allen ihren Verwaltungsbereichen ist ihnen gesetzlich vorgeschrieben. Seit Ende der 70er Jahre kämpft Nairobi mit rapider Verstädterung, vor allem der anhaltende Bevölkerungszuwachs zulasten der ländlichen Bevölkerung treibt Menschen in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen und erfolgreichere Erwerbsaussichten in die Hauptstadt. Häufig bleibt ihnen keine andere Wahl, als sich in den ohnehin schon hoffnungslos überfüllten Slumgebieten niederzulassen, deren Infrastruktureinrichtungen dem Bevölkerungswachstum nicht standhalten können. Fehlende oder verstopfte Abwasserkanäle, zerbrochene oder angezapfte Wasserleitungen und ein völliges Fehlen städtischer Abfallentsorgung führen dabei zu einer massiven Verschlechterung der Lebensbedingungen des Großteils der Einwohner Nairobis. Die Massen an Müll, die sich in den nur schwer zugänglichen Wegen und Pfaden der Siedlungen im Stadtgebiet Nairobis über Jahrzehnte angesammelt haben, stellen für die Bewohner eine ungemein belastende Herausforderung dar. Komplette Straßenzüge von bis zu 70 Meter Länge sind in ihrer ganzen Breite bis zu zwei Meter hoch mit Müll jeglicher Art bedeckt. Plastik, Essensreste, Hausabfälle, Exkremente, Glas, Kleidungsstücke und viele andere Materialien lagern teilweise schon seit Jahren an denselben Stellen, kontaminieren den Boden, stellen bedrohliche hygienische und gesundheitliche Gefahren dar, rauben dringend benötigten Wohnraum und verschlechtern dramatisch die Lebensqualität.Mit Abfall überleben

Infrastrukturelle Unzulänglichkeiten und politischer Unwille lassen den Bewohnern dieser Siedlungen keine andere Wahl, als sich in kleinen Gruppierungen zusammen zu schließen und der Problemlage offensiv entgegen zu treten. Denn über die sozialen und gesundheitlichen Negativwirkungen hinaus, bietet der Abfall vielen Jugendlichen die einzige Möglichkeit, Einkommen zu erzielen. In einigen Bereichen der informellen Siedlungen haben sich die Jugendgruppen bereits zu Netzwerken zusammengeschlossen, um dadurch bessere Möglichkeiten zu bekommen, an dringend benötigte finanzielle Unterstützung, Ausrüstung für den Arbeitsbedarf oder die Aufmerksamkeit von Vertretern der Stadtverwaltung zu gelangen. Denn viele dieser Gruppen arbeiten unter stark gesundheitsgefährdenden Bedingungen, sammeln den Müll mit bloßen Händen und setzen sich somit fast täglich Bakterien und Keimen aus. Und neben der weit verbreiteten Meinung, die Stadt sei für die Müllentsorgung zuständig und der daraus resultierenden Weigerung für diese Dienstleistung Gebühren an die Jugendgruppen zu bezahlen, fehlt es den Bewohnern der informellen Siedlungen an verantwortungsvollem Bewusstsein im Umgang mit Müll. Einige engagierte Lehrer und Jugendinitiativen versuchen die Bedeutung der Eigenverantwortung für Umwelt und Gesundheit in den Vordergrund zu rücken. Diese Initiativen wenden sich gegen die weit verbreitete Mentalität des Abwartens und der Schuldabweisung. Alle ein bis zwei Monate laden unterschiedliche Jugendgruppen zu groß organisierten "Clean-Up" Tagen ein, an denen sich Schulklassen, Jugendgruppen und viele Freiwillige aus der Gemeinde beteiligen, um die gröbsten Verunreinigungen auf den eigenen Straßen zu beseitigen, verstopfte Abwasserkanäle zu reinigen oder das Gemeindekrankenhaus zu säubern. Ohne die vertrauensvolle Integration in die Gemeinschaft besteht für die Gruppen keine Möglichkeit für finanzielle Gegenleistungen, denn immer neue Gruppen gründen sich, um eigene Einkommensquellen zu erschließen. Der Bedarf ist vorhanden, kreative Verwertungsideen werden dringend gebraucht, und mit jeder neuen Gruppe vergrößert sich das Potential den bewussten Umgang mit Umwelt und Müll zu verbessern. Was verstreut durch die Arbeit von einzelnen Jugendgruppen begonnen hat, sich nun langsam zu einem flächendeckenden informellen Müllentsorgungssystem zu entwickeln. Durch gemeinsam organisierte Workshops und gegenseitige Unterstützung in Fragen der Weiterverarbeitung von Plastikmüll oder organischen Abfällen, verbessert sich sowohl die Kommunikation untereinander, als auch die vertikale Verflechtung der Gruppen in der lokalen Müllwertschöpfungskette. Mittlerweile verwaltet das slumübergreifende "Korogocho-Mathare-Netzwerk" (Koma) Handschuhe, Gummistiefel und Schubkarren, die die Arbeit der Jugendlichen in erheblichem Maße erleichtert.Gruppen schließen sich zusammen

Durch das Zusammenschließen in Gruppen soll vor allem der Mangel an Beförderungsmöglichkeiten überwunden werden, der eine Einschränkung für den Abtransport der Abfälle aus den Slums auf die einzige offizielle Müllkippe Nairobis darstellt. Langfristige Organisation und Integration der Jugendgruppen ist wohl unumgänglich, um die verheerenden Ausmaße des Müllaufkommens in den informellen Siedlungen Nairobis in den Griff zu bekommen. Die informellen und somit quasi illegalen Aktivitäten der engagierten Jugendgruppen werden mit zunehmenden Erfahrungen ein funktionstüchtiges Müllentsorgungssystem hervorbringen. Doch ohne offizielle Unterstützung und Anerkennung durch die lokale Regierung werden die Jugendgruppen auch in Zukunft nicht in der Lage sein, die Müllberge nachhaltig zu entsorgen. Die Vielzahl der illegalen Müllhalden, die sich aus Kostengründen und Mangel an Transportmöglichkeiten in den Slumgebieten ausbreiten, werden ohne das aktive Eingreifen der Stadtverwaltung auch in den nächsten Jahren den Boden und das Grundwasser kontaminieren, über die Flussläufe auch andere Stadtviertel Nairobis verunreinigen und somit zu einer allgemeinen Verschlechterung der Lebensqualität der Einwohner beitragen.