Neue Bio-Waffe gegen die Reblaus

LONGEN. Auf einer Anbaufläche des Longener Weinguts Walter Hank hat der weltweit erste Freilandversuch zur biologischen Reblausbekämpfung in einer Steillage begonnen. Erprobt wird ein Insekten fressender Pilz mit dem wissenschaftlichen Namen "Metarhizium anisopliae", der den Schädling im Boden angreift.

 Welt-Premiere in der Steillage: Diplom-Oenologe Matthias Porten bringt den auf Weizenkörner aufgezogenen Pilz zwischen den Reben aus. Schutzmaske und Handschuhe sind eine Vorsichtmaßnahme gegen mögliche allergische Reaktionen auf den Pilz.Foto: Friedhelm Knopp

Welt-Premiere in der Steillage: Diplom-Oenologe Matthias Porten bringt den auf Weizenkörner aufgezogenen Pilz zwischen den Reben aus. Schutzmaske und Handschuhe sind eine Vorsichtmaßnahme gegen mögliche allergische Reaktionen auf den Pilz.Foto: Friedhelm Knopp

Der erste Freilandversuch auf einer ebenen Anbaufläche läuft schon seit Juni 2003 in Gesenheim/Rheingau. In Longen soll "Metarhizium" nun unter den Bedingungen einer Steillage getestet werden. An dem Projekt im Rahmen der Forschungsinitiative "Biological Soilborne Grapepest Management" (Bisgram) sind folgende Einrichtungen beteiligt: Das Dienstleistumszentrum im ländlichen Raum (DLR) in Bernkastel-Kues (ehemals Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt), die Universität Mainz, die Weinbau-Forschungsanstalt Geisenheim, die Universität Hohenheim, die Universität Innsbruck und das österreichische Institut Mycon Kirchmair, Kunwald, Rainer.Jahrelang war der Parasit kein Thema mehr

Den Versuchen auf befallenen Flächen war eine jahrelange Forschungsarbeit des Mehringer Diplom-Oenologen Matthias Porten und des Mainzer Biologen Lars Huber vorausgegangen. Nach Angaben der Wissenschaftler kommt die neue Reblaus-Bekämpfungsmethode zur rechten Zeit. Grund: Seit Jahren schien der mikroskopisch kleine Parasit im deutschen Weinbau kein Thema mehr zu sein. Dazu trugen insbesondere widerstandsfähigere Rebzüchtungen bei. Doch die aus Amerika "importierte" Reblaus, die unbemerkt in vier bis fünf Meter Tiefe schlummern kann, erwies sich als zäh. Sie führt mit zahlreichen Metarmorphosen einen komplizierten Lebenswandel über und unter der Erde. Die Erscheinungsformen reichen von den geflügelten Fortpflanzungs-Tieren, die sich überirdisch über die Pflanzen verteilen, bis hin zu den beinlosen und stationären "Brutmaschinen" an den Rebwurzeln. Gerade diese unterirdische Form stellt für die deutschen Rebsorten die Hauptgefahr dar, denn sie schädigt die im Frühjahr ausschlagenden weichen Jungwurzeln der Pflanzen. Ergebnis: Die Rebe wird geschwächt, der Ertrag fällt, und schlimmstenfalls folgt der Totalverlust der Pflanze. Dass sich die Reblaus nach Jahren der scheinbaren Ruhe wieder zurückmeldet, hat nach Auffassung der Wissenschaftler mehrere Gründe: Zahlreiche heiße Sommer setzten die Pflanzen unter Stress, ihre Widerstandskraft sank. Für die Reblaus verbesserten sich jedoch die Lebensbedingungen - insbesondere in den zunehmenden Drieschen neben den Anbauflächen kann sie sich sich stärker überirdisch entfalten. Für den Freilandversuch fiel die Wahl auf Longen, weil sich dort alte Reblausherde in der Tiefe erhalten haben. Tatsächlich sind in den Reihen des betroffenen Winzers Hank schon zahlreiche, angegriffene Pflanzen zu erkennen. Legt man mit einem Spatenstich ein Wurzelteil frei, zeigen sich die angegriffenen Wurzeltriebe. Matthias Porten: "Das ist ein typisches Problem: Dieser Weinberg ist optimal gepflegt und trotzdem befallen."Attacke unter der der Erdoberfläche

Nun soll der Pilz Metarhizium die fest an der Wurzel sitzende Laus angreifen, ihren Panzer knacken und sie inhalierten. Dazu wird die Pilzkultur zunächst auf Weizenkörner aufgebracht und in dieser Form in den Boden zwischen die Reben untergegraben. Matthias Porten: "Das muss schnell gehen, da der Pilz nicht stabil gegen das UV-Licht der Sonne ist." Einmal im Boden, breite sich der Pilz in Windeseile aus. Schon nach sechs bis acht Stunden beginne die Versporung. Dann mache sich die Pilzkultur über den Schädling her. Noch untersucht werden müsse, so Porten, ob der Pilz, nicht auch erwünschte Bodeninsekten angreife. Bei den Versuchen im Rheingau seien jedenfalls keine negativen Auswirkungen auf andere Bodentiere festgestellt worden. Nach dem Beginn des Versuchs, bei dem auch Vertreter der Verwaltung, des Weinbaus und der betroffene Winzer anwesend waren, wollen die Wissenschaftler die weitere Entwicklung im Auge behalten. Dabei wird das Interesse auch einigen befallenen Kontrollflächen gelten, die bewusst nicht mit dem Pilz behandelt wurden. Gerhard Scholten, stellvertretender Leiter der DLR: "Diese Methode ist keine chemische Keule mit Sofort-Effekt. Sie erfordert langfristiges Denken."