Neues Verständnis von Freiheit

Der Hammerschlag von Martin Luther, der die berühmten 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an die Kirchentür in Wittenberg nagelte, hallt bis heute nach. Die evangelischen Christen aus Hermeskeil und Züsch haben den 499. Jahrestag gefeiert. Freiheit empfinden dabei auch Flüchtlinge aus dem Iran, die zu Protestanten konvertieren wollen.

Hermeskeil. Die Wut auf die herrschenden Verhältnisse in der katholischen Kirche ist groß. Der Theologe Martin Luther hat sich mit den Mächtigen der Kurie angelegt. Er widerspricht der Wirksamkeit, durch Ablassbriefe sich geistliche Sicherheit einkaufen zu können. Mit Hammer, Nägeln und einem Papier mit 95 Thesen klopft er seine Reformvorschläge am 31. Oktober 1517 an die Kirchentür von Wittenberg.
"Unser aller Verständnis von Freiheit beginnt mit der Reformation", sagt Pfarrerin Heike Diederich im Abendmahlgottesdienst, den sie mit dem katholischen Dechant Clemens Grünebach aus diesem Anlass gemeinsam in der kleinen evangelischen Kirche feiert. Auch den 499. Jahrestag gelte es zu feiern. Das Gefühl dabei, beschreibt das Motto "Ich bin vergnügt, erlöst befreit".
"Kirche taugt nur etwas, wenn sie nicht im eigenen Saft schmort", fordert die Pfarrerin. Die evangelische Kirche öffne sich der Welt. Und natürlich auch der katholischen Welt. Dechant Grünebach unterstreicht die vielen Gemeinsamkeiten. Doch das Abendmahl gemeinsam zu feiern, geht immer noch nicht.
Erstaunt zeigte sich der Leiter des Chores Ton-in-Ton, der mit Trompeter Stefan Butterbach und 15 Sängern eingeladen wurde: "Vor zwei Generationen durften im katholischen Gottesdienst noch keine Werke von Johann Sebastian Bach aufgeführt werden, denn der war ja Protestant." Heute ist sogar der Pop-Titel "Hello" von Lionel Richie möglich. Das Trio Footbreakers zaubert mit Folklore und modernen Pop-Songs eine geheimnisvolle Atmosphäre in den Sakralbau. Noch außergewöhnlicher spielt Marvin Strathmein aus Trier die Kirchenorgel. Filmmusik ist da zu hören, etwa aus Die glorreichen Sieben, die Winnetou-Melodie aus den Karl-May-Verfilmungen oder auch die sehr bekannte Musik aus Fluch der Karibik. Strathmein ist Konvertit. "In der evangelischen Kirche steht das Wort Gottes im Vordergrund. Das sollte mehr wiegen als die Eucharistie", lautet der Beweggrund des 21-Jährigen.
Sehr interessiert verfolgen sieben Menschen diese Nacht der Kirche am Reformationstag. Sie stammen aus dem Iran und sind Moslems - noch. Denn sie wollen evangelische Christen werden. Ali Kanani ist mit seiner schwangeren Frau Hannah aus seiner Heimat geflohen, denn: "Im Iran wird der Islam immer gefährlicher. Es gibt keinen Unterschied zwischen Staat und Religion." Man laufe ständig Gefahr, gegen irgendein Gesetz oder eine Vorschrift zu verstoßen und dafür hart bestraft zu werden, beispielsweise mit Stockschlägen.
Ali, der mit seiner Frau als Flüchtling anerkannt ist, fühlt in der evangelischen Kirche, wie er es formuliert, eine positive Energie und will sich taufen lassen.
"Ich habe bereits eine ganze Reihe Iraner getauft", sagt Pfarrerin Diederich. Für diese Menschen sei das wie der Abschluss ihrer Flucht. Damit sind sie in die Gemeinschaft der rund 2500 Menschen aufgenommen, die sich in Hermeskeil und Züsch zum evangelischen Glauben bekennen. doth
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