1. Region
  2. Konz, Saarburg & Hochwald

Nicht mehr Krieg, noch kein Friede

Nicht mehr Krieg, noch kein Friede

Ein deutsches Dorf unter amerikanischer Besatzung: Der Aufwand war groß bei der Aktion "Lebendige Geschichte" auf dem Roscheider Hof. Auf dem gesamten Museumsgelände spielten ehrenamtliche Darsteller vom Studienkreis Militärgeschichte Szenen vom Sommer 1945 nach - eindringlich und ohne folkloristische Harmlosigkeit.

Konz. Vor dem Museumsdorf auf dem Roscheider Hof orientiert ein Wegweiser in deutlichen Lettern - selbstverständlich auf Englisch. Dahinter tippt eine Dame in Uniform den neuesten Pressebericht der US-Army. Und nur noch wenige Meter, dann tritt der Besucher ein in den Ernst des gerade beendeten Zweiten Weltkriegs. Da liegen auf einem Stück Stoff und fein säuberlich sortiert die deutschen Minen. Die sehen so harmlos aus und sind doch unfehlbar tödlich. Und sie mussten in gefährlicher Arbeit entschärft werden - damals, im Frühjahr und Frühsommer 1945.
Die Objekte sind echt, und nichts ist verharmlost in dieser Aktion der "Lebendigen Geschichte". Wer weiter geht zum Sanitätsplatz, bekommt eine Ahnung von den mörderischen Verletzungen, die im Krieg zugefügt wurden und die im unsicheren Frieden lange nicht ausheilten.
An der Rathauswand bedrohen angeschlagene Zettel jeden Plünderer mit dem Tod. Und mitten im historischen Dorf demonstrieren die Büros von Militär-Kommandant und neu eingesetztem Bürgermeister, dass auch das karge Leben nach Kriegsende nicht ohne Bürokratie auskam.
"Wir wollen etwas vom Lebensgefühl in der Stunde Null vermitteln", sagt Volker Griesser vom veranstaltenden Studienkreis Militärgeschichte. Ungefähr 60 Männer und Frauen machen mit bei dieser Aktion, ehrenamtlich, versteht sich.
Sie steigen in die Holzpantinen, die Kittel und weiten Röcke der Landbevölkerung. Andere zwängen sich in amerikanische Uniformen und wirken darin ziemlich bedrohlich. Denn eins unterscheidet diese Geschichtsdarstellung von den beliebten Mittelalter-Märkten: Hier geht es nicht um historische Illusionen, sondern um ein Stück realer Zeitgeschichte, an das sich Ältere noch gut erinnern können.
Geschäftsführer Hermann Kramp vom Freilichtmuseum widerspricht denn auch entschieden dem Verdacht, in der "Lebendigen Geschichte" werde grausame Vergangenheit zur harmlosen Idylle verklärt. Im Gegenteil: "Hier wird der Alltag im Sommer 1945 knallhart dargestellt."
Auch für die rund 900 Besucher (an drei Tagen) war die "Lebendige Geschichte" ganz sicher keine neutrale Show. Da entwickelten sich Gespräche - über die Situation damals, über die Gefühle der Menschen und auch über die Lehren aus der Geschichte. Eine Besucherin lobt den interaktiven Charakter der Aktion: "Man kann die Akteure fragen und erhält immer eine Antwort."
Der Niederländer Leo Haen raets, der in Hürth bei Köln lebt, und durch Zufall den Roscheider Hof entdeckte, fasst seinen Eindruck so zusammen: "Mein Vater war bei der Résistance und hatte ein Kriegstrauma. Für mich ist Erinnerung an diese Zeit darum von großer Bedeutung. Es darf keinen Krieg mehr geben."
Für die Amerikaner war im Sommer 1945 der Kampf indessen längst nicht vorbei. Jeder GI musste die Versetzung in den pazifischen Raum befürchten, gegen die todeswütigen Japaner.
Und auch für die deutsche Bevölkerung war die US-Zeit nicht von Dauer. Im August zogen die Amerikaner ab und die Region wurde Teil der französischen Besatzungszone - mit neuen Ängsten und neuen Problemen.
"Lebendige Geschichte" gastiert wieder auf dem Roscheider Hof: am 30./31. August mit dem Thema "1910", am 4./5. Oktober mit "Leben im Spätmittelalter"
Meinung

Nur Nachdenken hilft weiter
Die Veranstalter der "Lebendigen Geschichte" haben alles getan, um den Eindruck folkloristischer Harmlosigkeit zu vermeiden. Tatsächlich war die Aktion in vielen Details so beklemmend und bedrohlich, wie sie damals, im Sommer 1945 unter der US-Besatzung wohl gewesen ist. Und wer sich von den historischen Exponaten und den Spielszenen hineinziehen ließ in die Welt von damals, wird wohl auch die Gegenwart besser verstehen. Jede Geschichtsdarstellung indes stößt an Grenzen. So authentisch die Szenen auch sein mögen - Beklemmung, Angst und Perspektivlosigkeit der Kriegsverlierer werden sich nicht automatisch einstellen. Da helfen nur Nachdenken und Nach-Erleben. Zeitgeschichte spielt sich in den Köpfen ab - im Einfühlen und in der konkreten Phantasie. Dafür hat die "Lebendige Geschichte" auf dem Roscheider Hof die besten Vorlagen geliefert. trier@volksfreund.de