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Lesung: Ohne Sprache eine Lesung halten

Lesung : Ohne Sprache eine Lesung halten

Zwei Autisten stellen in der Kulturgießerei ihr Buch „Worte und Bilder des Lebens“ vor.

Julian Bodem und Florin Müller nehmen die Welt anders wahr als die meisten Menschen – beide sind Autisten. Aber das bedeutet keineswegs, dass sie nicht mit Verstand und Gefühlen dem begegnen, was um sie herum passiert. Und obwohl sie nicht sprechen können, vermögen sie doch ihr Innerstes mit Bildern und Texten auszudrücken. Bei einer unkonventionellen Autorenlesung zur Vorstellung ihres neuen Buchs haben sie das in der Kulturgießerei Saarburg unter Beweis gestellt.

Eine Lesung, bei der weder Schriftsteller noch Illustrator sprechen können, gestaltet sich allerdings etwas aufwendiger. Die Geschwister der beiden tragen, im Hintergrund des Podiums sitzend, Textauszüge aus dem Buch vor. Bodem und Müller kommunizieren über Laptops und angeschlossenen Beamer mit dem Publikum. Das ist durchaus anstrengend für sie: Die richtigen Tasten zu finden, erfordert alleine schon Konzentration. Und wenn sich im Saal jemand bewegt, lenkt das sofort ab. Mit Gesten und Worten unterstützt Moderatorin Hanne Kloth – sie kennt die beiden schon lange und weiß, wie sie ihnen Hilfestellung geben kann. „Ein Autist braucht manchmal auch eine Berührung am Arm, um überhaupt wahrzunehmen wo der eigene Arm ist“, erläutert Kloth eine der Herausforderungen. Trotz solcher Hindernisse gelingt es, einen Dialog zwischen Autoren und Besuchern aufzubauen.

Ein Gemälde wird gezeigt: Ein Seilakrobat balanciert in schwindelnder Höhe über dem Abgrund eines reißenden Flusses. „Unter Flo und mir tobt Gewalt“, schreibt Julian Bodem, was ihm durch den Kopf ging, als er dieses Bild malte. Für sie sei das Leben ein ständiger Balance-Akt. An manchen Tagen gelinge, was sie sich vornähmen. Dann aber werde man wieder blockiert durch eigene Einschränkungen oder durch die Umwelt missverstanden.

Über das Schreiben, und bei Julian Bodem vor allem über das Malen, gelingt es ihnen immer wieder, diese Barriere zu durchbrechen. Dadurch können sie ausdrücken, was ihnen beispielsweise Freundschaft bedeutet. „Hilfe, herzvoll, Frieden in jeder Beunruhigung.“, beginnt ein Gedicht von Florin Müller zu diesem Thema. Bodem hat dazu ein Bildmotiv „Gemeinsam durchs Leben“ erschaffen. Ihre Freundschaft treffe häufig auf Unglauben – wenn sie nebeneinander säßen, scheinbar ohne den anderen wahrzunehmen. Für sie hingegen sei die Sache klar. „Freundschaft verkörpert Hilfe in reiner, in richtiger Form“, heißt es dazu in einer Erläuterung von Müller.

Doch nicht nur Gefühle drückt das Duo in seinem Buch aus, auch zum Zeitgeschehen wird Stellung bezogen. So beantwortet der nach eigenem Bekunden politisch sehr interessierte Dichter Florin Müller bei der Lesung die Frage zur Weltlage folgendermaßen: „Ich befinde mich in Gram um große Gefahr durch rechte Gewalt.“ Auch mit dem Schicksal von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer setzen sich die Autoren in ihrem Werk kritisch auseinander. Häufiger machen beide die Erfahrung, dass andere sie für dumm halten. Mit diesem Fehlurteil versuchen sie aufzuräumen.

Das gelingt ihnen unter anderem dadurch, dass sie selbstreflektiert auch über die eigenen Beschränkungen und Zwänge berichten, die ihnen der Autismus auferlegt. In einem der Gedichte wird es mit der Tiefsee verglichen: eine fremde Welt, die nicht für jeden einfach zugänglich ist.

Die rund 100 Besucher der Lesung in der Kulturgießerei wirkten am Ende jedoch überzeugt, dass es lohnt diese Welt gemeinsam zu erkunden.