Poet, Prolet und Provokateur

Konz · Die mittelalterlichen Balladen des skandalumwitterten französischen Dichters François Villon bringt Claudia Dylla im musikalischen Zusammenspiel mit Hermann Neu auf die Bühne. Im Konzer Kloster Karthaus ist den Beiden ein mystischer Abend gelungen.

 Vermeiden, dass die Dichtung von Villon auf erotische Exzesse reduziert wird: Das möchte Claudia Dyllla, Sopranistin, die im Konzer Karthaus die Hommage an den französichen Dichter mitgestaltet hat. Tv-Foto: Dirk Tenbrock

Vermeiden, dass die Dichtung von Villon auf erotische Exzesse reduziert wird: Das möchte Claudia Dyllla, Sopranistin, die im Konzer Karthaus die Hommage an den französichen Dichter mitgestaltet hat. Tv-Foto: Dirk Tenbrock

Konz. François Villons Balladen sind starker Tobak. Der Freigeist und Kriminelle, Poet, Provokateur und Landstreicher lebte im Paris der Jahre 1431 bis 1463 und verfasste zahlreiche poesievolle bis derbe Balladen über die Liebe und die Natur, die Politik und Religion und oft auch über seine eigenen, miserablen Lebensumstände. Dabei übt er beißende Kritik an Klerus und Adel und wirft einen schonungslosen, aber empathischen Blick auf das Elend der armen Leute.
Sein eigener Lebensweg ist verworren, als Waisenkind wurde er von einem Gelehrten und Pater protegiert, schaffte es aber zeitlebens nicht, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen, sondern fristete sein Dasein als ausgestoßener Landstreicher, lange Zeit auch in feuchten Kerkern. Seine Dichtkunst aber hat, wie er es sich selbst erhofft hatte, die Jahrhunderte überdauert.
20 Stücke in Musik


Claudia Dylla und Hermann Neu zeigen mit ihrer lyrisch-musikalischen Hommage am Samstagabend im Konzer Kloster Kar thaus auf überzeugende Art die poetische Seite von Francois Villon. "Wir möchten die Reduzierung Villons auf erotische Exzesse vermeiden", sagt Dylla. Die ausgebildete Sopranistin deklamiert 20 ausgewählt schöne Stücke im nur von Kerzenlicht erleuchteten Klostersaal, die begleitende, sphärische Musik von Hermann Neu entführt in eine transzendentale Klangwelt.
Dabei gelingt ihm eine gar nicht abgedreht anmutende Verschmelzung von europäischen und indischen Klängen; Klangschalen und eine akustische Geige sind - neben einem High-Tech-Computer - seine Instrumente. Dylla meistert den umfangreichen Text mit variantenreicher Mimik und Gestik, mühelos schlüpft sie in die Rollen des Dichters und seiner Protagonisten.
Wer Villon nur aus den irren Rezitationen des als Künstler überbewerteten, als menschliche Bestie aber noch unterschätzten Klaus Kinski kennt ("Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" vom Villon-Übersetzer und Interpreten Paul Zech), empfindet diesen wunderbaren Abend voller Poesie als Wohltat.
Natürlich fehlt auch die wütend-derbe Ballade von den Lästerzungen nicht, Claudia Dylla und Hermann Neu geben aber auch diesem, mit unflätigsten Flüchen gespickten Text eine sympathische Note.
Ihr François Villon ist ein hellsichtiger Intellektueller, dessen Lebensumstände ihn eben nicht als Universitätsprofessor, sondern als Clochard im Pariser Untergrund enden ließen. Die rund 70 begeisterten Zuschauer sehen das an diesem Abend wohl ebenso und spenden lang anhaltenden Applaus. DT

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