Raus aus der Tabu-Ecke

HERMESKEIL. 31 psychisch kranke Menschen werden im Gemeindepsychiatrischen Zentrum (GPBZ) in Hermeskeil gemeindenah betreut. Sie erhalten dort soviel Hilfe wie notwendig und so wenig Hilfe wie möglich, auf dem Weg zu einer großen Lebenszufriedenheit und Selbstständigkeit.

Josef Becker wird wie weitere 14 Klienten jeden Morgen von einem Fahrdienst von seinem Heimatdorf im Hochwald zur Tagesstätte nach Hermeskeil gebracht. "Die meisten psychisch kranken Menschen, die hier betreut werden haben schon eine Klinikodyssee hinter sich", sagt Werner Quetsch, Leiter der Hermeskeiler Einrichtung. Zuhause haben die meisten Klienten außer zu Familienmitgliedern kaum Außenkontakte. Die Gruppe bietet ihnen ein Lernfeld, in dem sie noch mal Kommunikation trainieren können und wo sie Alltag leben können: Im Ergotherapieraum ist Josef Becker damit beschäftigt, ein Mosaik zu legen: "Es ist gut hier. Zuhause würde ich nur rum sitzen und hätte nichts zu tun." Auch Christa Rössler und ihre Schwester Marlies Knorz legen Stein für Stein zu einem Muster zusammen. Beide leben seit sechs Jahren in einer Zweier-Wohngemeinschaft und nehmen eine ambulante Hilfe in Anspruch. Die Hausarbeit erledigen beide Frauen selbst. Marlies Knorz hat eine ausgegliederte Arbeitsstelle für behinderte Menschen. Sie arbeitet im Büro des Hermeskeiler GPBZ. Sie kümmert sich um Telefon- und Getränkeabrechnungen und kopiert, was ansteht. "Erst in Hermeskeil geht es uns gut", sagen sie einstimmig. So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich

Die gemeindenahe Betreuung, die das Landesgesetz vorsieht, setzt das Konzept des Schönfelderhofes um: Die psychisch kranken Menschen können wohnortnah und dazu nach einem individuellen Hilfeplan betreut werden. "Sie erhalten hier soviel Hilfe wie notwendig und so wenig Hilfe wie möglich", sagt Norbert Stozek, Abteilungsleiter Region Trier des Schönfelderhofes. Letzten Jahr im Sommer musste, um der Nachfrage gerecht zu werden, angebaut werden. Das breit gefächerte Angebot beinhaltet auch eine "lockere Betreuung" in Einzelwohnungen. Die Klienten zahlen Miete und nutzen den Service "betreutes Wohnen". Ein Diplom-Pädagoge, Sozialarbeiter, ein Ergotherapeut, ein Heilerzieher und ein Fachkrankenpfleger kümmern sich um die Klienten. "Wir sind Fachleute für den Alltag", sagt Werner Quetsch. Das Hauptziel ist es, dass psychisch kranke Menschen soviel Alltag wie möglich leben können. Und: "Nur noch äußerst selten werden Klinikaufenthalte notwendig", so Stozek. Ein weiteres Ansinnen sei es, dass psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden. Dazu trägt bei, dass Betreuer mit den Klienten in den Hermeskeiler Supermärkten einkaufen und es ein offenes Freizeitangebot wie Kegeln oder Schwimmen gibt, an dem alle Interessierten teilnehmen können. Für die Planung und Anmeldung ist die Kontakt- und Beratungsstelle zuständig, in der darüber hinaus auch psychisch erkrankte Menschen und deren Angehörige Rat finden können. "Häufig sind Familienangehörige überfordert. ´Was heißt das denn?´ oder ´Wie können wir damit umgehen?´, wollen viele wissen", so Quetsch. Regelmäßige Tagesausflüge und mehreren Urlaube im Jahr tragen auch dazu bei, dass Integration ein Stück vorangetrieben wird. "Ziel ist es eine größtmögliche Selbstständigkeit und eine Stabilisierung des Krankheitsverlaufs zu erreichen" sagt Stozek. Und er fügt hinzu. "Dass psychische Erkrankungen immer mehr aus der Ecke Tabuthema rücken."

Mehr von Volksfreund