Requiem

Die Elftklässlerin Michelle Zender vom Gymnasium Saarburg belegte mit der Kurzgeschichte "Requiem" den zweiten Platz.

Er ging nach draußen. Es war kalt, wirklich kalt. Und nass auch, und grau. Ein nasser, kalter und grauer Tag im April. Gestern war es noch wärmer, wärmer und sonniger, irgendwie schöner. Aber heute nicht mehr, nein heute nicht mehr. Doch Regen macht ihm nichts aus. Bis zur Brücke sind es nur wenige Minuten, er ist ja nicht aus Zucker. Der Brief, die Flasche, das hält er alles in der Hand. Fertig ist er nicht ganz, der Brief, aber er hat schon viel zu lange gezögert. Ständig ist ihm Neues eingefallen, hat er etwas durchgestrichen, neu dazugeschrieben, den Brief komplett zerrissen und ihn am Ende doch wieder mühsam zusammengeklebt. Er hat einiges durchgemacht, sieht verlebt aus, gezeichnet, wie benutzt und weggeworfen. Die Brücke sieht noch genau aus wie vor zehn, zwanzig, vor fünfzig Jahren. Nichts in dieser Stadt verändert sich. Aber er, er wird etwas verändern, muss etwas verändern. Nur hatte er etwas vergessen. Musik, er hätte jetzt wirklich gerne Musik gehabt. Nichts von den neumodischen Eintagsfliegen, für die sich doch niemand länger als ein Jahr interessiert. Nein, schöne, klassische Musik. Aber heute war nicht schön, ein Tag zum Trauern. Es war egal, sowieso war jetzt alles egal, er hatte es endlich zur Brücke geschafft, nach Tagen, Wochen, Monaten, Jahren des Zögerns. Hier, am Geländer stehend, hatte er noch einmal Zeit, über sein Leben nachzudenken. Das Leben, welches er unvermeidlich zurücklassen würde, zurücklassen musste. Jedoch war er es sich schuldig, noch einmal an sein altes Leben zurückzudenken, Höhen, Tiefen, Glück, Pech, Liebe, Tod und vor allem Entscheidungen. Für ihn, das Wichtigste am Leben. Entscheidungen, die getroffen wurden, welche, die nicht getroffen wurden, Entscheidungen, die für jemanden getroffen wurden, die man bereut und die schönen, die man nicht bereut. Alles im Leben dreht sich um Entscheidungen. Er hatte versucht, seine mit Bedacht zu treffen, und nun stand er hier. Er hatte sich dafür entschieden. Dafür, diesen Brief zu schreiben, hinauszugehen und sich ans Brückengeländer zu stellen. Dafür, dieses Leben, diese Stadt hinter sich zu lassen. Und das war gut so. Langsam und sorgfältig, damit er nicht auseinanderfiel, faltete er den Brief und steckte ihn in die Flasche. In Gedanken zählte er bis drei.
Eins, er dachte an sein Haus mit dem wunderschönen Garten. Was wohl damit passieren würde?
Zwei, er dachte an seinen Hund. Um den würde es ihm leidtun, oh ja.
Drei, er dachte an nichts mehr.
Ganz langsam, fast zeitlupenartig ließ er die Flasche fallen. Beobachtete ihren Fall, ihr Aufkommen und wie sie davongetrieben wurde und das, was mit ihr davontrieb, sah ihr nach, bis sie verschwunden war, und drehte sich dann um. Er ging die Brücke entlang, diesmal in die andere Richtung und blickte sich nicht um. Zurück blieb nur die Grabstelle, die eines Mannes, der einmal in dieser Stadt gelebt, sie aber zeit seines Lebens verabscheut hatte. Hier wurde heute ein Leben beendet, aber ein anderes hatte gerade erst begonnen.