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Schillinger haben schwere Krankheit überlebt: Wenn das zweite Leben mit 54 beginnt

Schillinger haben schwere Krankheit überlebt: Wenn das zweite Leben mit 54 beginnt

Sie sind beide 55 Jahre alt, leben in Schillingen und haben beide vor etwa einem Jahr ihr zweites Leben begonnen: Simone Wänke und Karl-Heinz Franzen leiden an einer unheilbaren Lungenkrankheit und erhielten innerhalb weniger Wochen beide in derselben Klinik in Gießen das rettende Spender-Organ. Jetzt haben sie gemeinsam ihren "ersten Geburtstag" gefeiert.

Die Dankbarkeit und die Erleichterung sind Simone Wänke und Karl-Heinz Franzen anzusehen. Die beiden 55-Jährigen haben eine schwere Zeit hinter sich. Vor einem Jahr, mit 54, haben die beiden Schillinger in einer Spezialabteilung des Uniklinikums Gießen/Marburg eine neue Lunge eingesetzt bekommen, Wänke im April 2015, Franzen im Juli. Vor kurzem haben sie ihren "ersten Geburtstag" nach der Transplantation gefeiert.
Ihre Diagnose erhielten beide vor etwa sechs Jahren: Lungenfibrose (siehe Extra). Diese Gewebe-Erkrankung kann zu chronischen Entzündungen in der Lunge führen. Die Betroffenen kriegen kaum Luft, die Sauerstoffflasche wird zum täglichen Begleiter. "Erst kommt man die Treppe nicht mehr rauf, dann ist schon die kleinste Anstrengung zu viel", beschreibt Wänke. Bei ihr und Franzen hätten die Ärzte eine Lungentransplantation als "letzte Überlebenschance" gesehen. Er habe "Glück gehabt", sagt Franzen, dass ihn der Facharzt Uwe Zimmermann im Hermeskeiler St. Josef-Krankenhaus gleich an die Gießener Spezialisten verwiesen habe.Zufällig voneinander erfahren


Dass die beiden 55-Jährigen dasselbe Schicksal teilen, haben sie nur durch Zufall erfahren. Eine Bekannte habe ihr von Franzen erzählt, sagt Wänke, die mit ihrer Familie auf der Burg Heid bei Schillingen lebt. Fortan hätten sie "alles gemeinsam durchgestanden". Im Warteraum der Klinik habe man sie mit "Die Schillinger bitte" aufgerufen, erzählen beide mit einem Lächeln im Gesicht. Es habe allerdings eine Weile gedauert, bis die Ärzte bemerkt hätten, dass beide Patienten aus dem Hochwaldort stammten. "Die haben uns erst ein Verhältnis angedichtet, weil wir immer gemeinsam aufgetaucht sind", sagt Franzen und grinst. Laut ihren Ärzten "ist es außergewöhnlich, dass zwei Patienten mit Lungenfibrose aus demselben Ort stammen und auch noch beide innerhalb von drei Monaten ein Spender-Organ erhalten". Auch in der Zeit nach der Operation hätten sie sich gegenseitig geholfen, berichtet Wänke, bei der die Heilung zunächst schlechter verlief. Die fünffache Mutter und vierfache Großmutter lag fünf Wochen im Koma. "Das war hart, ich musste vieles ganz neu lernen." Mit Franzen verbinde sie inzwischen "eine tolle Freundschaft". Familie und Freunde könnten "manche Dinge einfach nicht so nachvollziehen wie ein Betroffener. Es hilft sehr, einen Leidensgenossen zu haben".
Deshalb haben die beiden ihr Jahr eins nach der Transplantation auch gemeinsam auf der Burg gefeiert. 130 Gäste waren dabei, Familie, Freunde, Mitarbeiter des Hermeskeiler Krankenhauses und Vertreter der Gießener Ortsgruppe des Bundesverbands der Organtransplantierten (BDO). Für den Verband haben die beiden Schillinger während des Fests Spenden gesammelt, knapp 3000 Euro.
"Es war ein wunderschönes Fest", sagt Franzen, "das wir vor allem zu Ehren unserer Spender und deren Familien gefeiert haben". Beide bedanken sich außerdem "ganz herzlich" bei den Geldspendern und dem "hervorragenden Ärzte- und Pflegeteam in Gießen". Und natürlich bei ihrem eigenen Umfeld. "Jeden zweiten Tag hat mich in Gießen jemand besucht - und das sind 500 Kilometer zu fahren. Ich habe eine tolle Familie", sagt Wänke gerührt. Bei Franzen waren es auch die Freunde Bernd Schramm und Andreas Eiden, denen er besonders dankbar ist: "Ich konnte Tag und Nacht anrufen, und sie haben mich nach Gießen gefahren."
Heute gehe es ihnen wieder ganz gut, sagen beide. "Gesund sind wir aber nicht", betont Franzen. Sie nähmen starke Medikamente, im Alltag gebe es viele Einschränkungen. Er habe seinen Beruf als Landwirt aufgeben müssen, sagt Franzen. Dafür könne er heute wieder täglich Radfahren. Und man dürfe nicht vergessen: "Ohne die Transplantation wären wir heute nicht mehr hier." Er nehme sich jeden Tag 20 Minuten Zeit "für eine Art Zwiegespräch mit meinem Spender", sagt der Schillinger. Auch Wänke hat ein Ritual: "Ich habe ein Bäumchen für meinen Spender gepflanzt. Und an seinem Todestag, der wohl am Tag vor meiner OP war, zünde ich für ihn eine Kerze an." Wer ihre Lebensretter waren, wissen die beiden nicht, das schließen die strengen Vorgaben zur Organtransplantation aus. "Ich weiß nur, dass es ein 70 Jahre alter Mann war", sagt Wänke. Nicht nur wegen ihres eigenen Schicksals hofft sie, das Menschen auch künftig bereit sind, Organe zu spenden: "Je mehr, desto besser."Extra

Bei einer Lungenfibrose verändert sich das Lungengewebe. Es wird verstärkt Bindegewebe gebildet, was dazu führt, dass das Gewebe zwischen den Lungenbläschen irgendwann vernarbt. Die Lungenbläschen entzünden sich, die Lunge wird steif und kann sich nicht mehr ausreichend ausdehnen. Das erschwert die Sauerstoffaufnahme, der Sauerstoffanteil im Blut nimmt ab. Bei schwerem Krankheitsverlauf kann eine Lungenfibrose tödlich enden. Auslöser kann das Einatmen bestimmter Fasern wie Asbest oder von Staubteilchen sein. Auch eine allergische Reaktion auf bestimmte Eiweißbestandteile kann die Ursache sein. An Lungenfibrose Erkrankte leiden unter Atemnot, Husten und Kraftlosigkeit, sie sind körperlich kaum belastbar. Um die Krankheit zu behandeln, die nicht heilbar ist, werden kortisolhaltige Präparate und Sauerstoff verabreicht. Bei schwerwiegender Erkrankung ist eine Lungentransplantation oft die einzig verbleibende Möglichkeit. cweb