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Schule über den Dächern von Delhi

Schule über den Dächern von Delhi

Für behinderte und schwerkranke Kinder ist das Pflegeheim Human Dreams ein Hoffnungsschimmer in der Millionenstadt Neu Dehli. Einige Kinder sind dabei, ihre körperlichen Behinderungen zu überwinden, aber in Sachen Unterricht besteht noch viel Nachholbedarf. Yohan, Milap und Mary lernen Englisch über den Dächern der Stadt.

Saarburg/Neu Delhi. Yohan, fünf, Milap, dreizehn, und Mary, vierzehn, sind fröhlich und aufgeschlossen wie die Kinder in Deutschland. Sie leben aber in einem Pflegeheim in Indien und haben starke körperliche Behinderungen oder schwere Krankheiten. Yohan litt an Klumpfüßen, die mittlerweile operiert wurden, und hat einen fehlplazierten linken Ellenbogen. Mary leidet am Ehler Danlos Syndrom (Bindegewebsschwäche) und Milap hat Knochentuberkulose und Zerebralparese.Kreativer Unterricht

Die drei haben sich seit ihrer Ankunft im Pflegeheim vor einem Jahr weitestgehend von ihren Krankheiten erholt. Yohan und Milap üben jeden Tag mit einer Gehhilfe laufen und Mary tanzt für ihr Leben gern. Doch um wirklich eine Zukunftschance in Indien zu haben, ist es wichtig, eine Schulausbildung zu bekommen. Da Englisch eine der Amtssprachen ist, wurden Yohan und Mary kürzlich in einer englischen Schule eingeschult. Im Moment sind Ferien, und da bei beiden jede Menge Nachholbedarf besteht, habe ich mich entschlossen, ehrenamtlich ins Pflegeheim zu reisen und die Zeit mit Englischunterricht zu nutzen. Milap - obwohl er kaum lesen und schreiben kann und noch nie zur Schule gegangen ist - spricht Hindi, relativ gut Englisch, Suaheli, etwas Italienisch und sogar ein paar Brocken Deutsch. "Guten Tag nach Saarburg" sagt er fröhlich zu meiner Begrüßung.Der Unterricht ist im Gegensatz zu einer deutschen Schule relativ kreativ und spontan, ich muss mich den jeweiligen Bedürfnissen der einzelnen Schüler anpassen. Yohan liebt es, jedes Wort zu buchstabieren und dann auszusprechen, Mary hingegen hat eher Schwierigkeiten mit der Grammatik. Da Milap nur begrenzt lesen kann, sprechen wir über die Dinge, die ihn bewegen, und anhand seines Fotoalbums berichtet er mir mit bereits gutem Englisch über sein schwieriges Leben. Die Träume der Kinder

Es sind im Moment 45 Grad Celsius in Neu Delhi und unsere Lehrstunden finden meist am späten Nachmittag auf der Dachterrasse des Pflegeheims und über den Dächern von Neu Delhi statt. Unser Klassenraum ist der freie Himmel und als Lehrbücher nehmen wir alles, was wir um uns herum finden können. Yohan sagt, dass er eines Tages Lehrer werden möchte, und obwohl er Schwierigkeiten hat, sein Buch mit der linken, schlaffen Hand zu halten, ist er ein motivierter und aufmerksamer Schüler. Mary lacht viel und führt immer mal wieder ein Tänzchen vor, sie möchte gerne Bollywood- Schauspielerin werden. Da Milap so sprachbegabt ist, möchte er Übersetzer werden, im Moment hängt es aber noch an den Buchstaben. Wenn er weiterhin übt, könnte er nach seiner geplanten Rückenoperation mit dreizehn endlich in eine normale Schule gehen.Was mir besonders viel Freude bereitet, ist die Motivation der Kinder und der Glaube an sich selbst, besonders im Hinblick auf ihre Vergangenheit als kranke und behinderte Kinder. Denn in einem Land, in dem viele Kinder aufgrund der Armut ihrer Eltern keine oder nur spärliche Bildung erhalten, haben es pflegebedürftige Kinder umso schwerer, von ihrer Umwelt ernst genommen und akzeptiert zu werden. Für Yohan, Mary und Milap gibt es aber Hoffnung durch das Human Dreams Pflegeheim für Kinder und den unermüdlichen Einsatz von Gründerin Nicole Mtawa aus Deutschland. Gina Inman ist Englischlehrerin bei der VHS Saarburg und freie Mitarbeiterin beim Trierischen VolksfreundExtra

Das Kinderpflegeheim für behinderte und pflegebedürftige Kinder Human Dreams wurde im Mai 2011 von Nicole Mtawa gegründet. Zurzeit werden vier schwerkranke Kinder zwischen fünf und 14 Jahren betreut. Fünf weitere leben bei ihren Eltern und werden durch Besuche betreut und medizinisch versorgt. Nicole Mtawa hat das Heim unter sehr schwierigen Bedingungen (Behördenwillkür, Genehmigungen als Ausländerin und strenge Auflagen für Kinderheime) gegründet. Sie widmet ihr Leben Hilfsbedürftigen und hat zwei Biografien darüber veröffentlicht. Nächstes Jahr möchte sie ein weiteres Kinderdorf in Tansania, dem Heimatland ihres Mannes, eröffnen. gin www.humandreams.org.Extra

Indien ist etwa acht Mal so groß wie Deutschland, und es leben dort 1,1 Milliarden Menschen, davon 440 Millionen Kinder, gut zwei Drittel davon in sehr armen Verhältnissen. Die Kindersterblichkeitsrate liegt bei zwei Millionen pro Jahr unter fünf Jahren. In der Hauptstadt Neu Delhi leben geschätzte 17 Millionen Menschen, und bedingt durch den gängigen Glauben an Karma werden Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft ausgegrenzt (da sie mit ihrer Behinderung in diesem Leben für Fehler im vergangenen bestraft werden). Das Kinderpflegeheim befindet sich in Najafgarh, am Stadtrand von Neu Delhi. Viele Einwohner sind aus anderen Regionen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Großstadt gekommen und leben teilweise in selbst gebauten Hütten oder Zelten. Die Menschen sind extremen Klimaschwankungen ausgesetzt, im Sommer kann es bis zu 48 Grad Celsius C heiß und im Winter bis zu 5 Grad Celsius kalt werden. Obwohl sich Indien insgesamt in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich stark weiterentwickelt hat, lebt ein Großteil der Menschen in sehr einfachen oder gar unvorstellbaren hygienischen Verhältnissen. gin