Schwere Lasten für zarte Körper

Schwere Lasten für zarte Körper

KONZ. Zum Schuljahrsbeginn lud die Landesärztekammer in Zusammenarbeit mit Schulelternbeirat und Schulleitung am Gymnasium Konz zum "Schulranzen-TÜV" ein. Erste Ergebnisse geben Anlass zum Nachdenken.

Die Untersuchungen verlaufen kurz, knapp und mit inhaltsreichen Ergebnissen. Die Schüler werden gemessen und gewogen, und dann wandert der Schulranzen auf die Waage. So verläuft der "Schulranzen-Tüv", der am Donnerstag im Gymnasium Konz aktiv wurde - auf Initiative des Schulelternbeirats, mit Unterstützung der Schulleitung und im Rahmen eines Projekts der Landesärztekammer. Die hatte eigens ein Team aus Mainz geschickt. Derzeit ist Konz das einzige Gymnasium der Region, das an dem landesweiten Präventionsprojekt teilnimmt.Nicht mehr als fünf Kilo

Bereits in den Jahren 2003 und 2004 hatte der Schulelternbeirat in Verbindung mit örtlichen Fachärzten und dann mit der Landesärztekammer die Ranzen wiegen lassen. Schon damals offenbarten die Ergebnisse deutliche Defizite. In den USA gilt ein Grenzwert von zehn Prozent des Ranzengewichts im Verhältnis zum Körpergewicht. Wer 50 Kilo wiegt, sollte danach nicht mehr als fünf Kilo zur Schule tragen. Im Jahr 2004 lag bei 83 Prozent der 131 untersuchten Schülerinnen und Schüler in Konz das Ranzengewicht über diesem Grenzwert. Bei den 5. Klassen mit zehn- und elfjährigen Kindern lagen nur sechs Prozent unter dem Grenzwert, 23 Prozent dagegen zu mehr als 100 Prozent darüber. Das heißt: Diese 23 Prozent tragen mehr als ein Fünftel ihres Körpergewichts zur Schule. Auch die aktuellen Untersuchungen geben Anlass zum Nachdenken. In einer 5. Klasse überschritt jeder Schüler den Grenzwert; Ranzengewichte von sieben Kilogramm und mehr sind keine Seltenheit. In den 6. Klassen, die bereits vor einem Jahr getestet wurden, bleibt die Situation gespannt. Während in einer Klasse die Belastung gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken ist, ist sie in einer zweiten sogar noch gestiegen. Ines Engelmohr von des Landesärztekammer sortiert die Ranzeninhalte und stößt auf viel Überflüssiges: Bücher und Hefte, die an dem Tag gar nicht gebraucht werden. Auch die Ordnungsliebe mancher Eltern steigert das Ranzengewicht. So sehen Sammelmappen zwar gut aus, haben aber ein Eigengewicht, das die Last auf dem Schülerrücken noch weiter erhöht. Und die Folgen übermäßiger Belastung können gravierend sein. Weiche Knochen können noch verformt werden

Jürgen Hoffart, Kinderarzt und Hauptgeschäftsführer der Mainzer Landesärztekammer: "Fehlbelastungen sollte man ernst nehmen." Sie können die noch weichen Knochen von Kindern und Jugendlichen dauerhaft verformen und zu Haltungsschäden führen, die sich später nur noch schwer korrigieren lassen. Immerhin hat die Schulleitung auf das Problem reagiert. Mittlerweile gibt es in den Fächern Musik, Biologie und Physik/Chemie schuleigene Bücher, die in den Fachräumen bleiben. Auch Bibel und Atlas können wohlverwahrt in der Schule bleiben. Schüler können sich das Bücherdeputat des Tages teilen, ein Buch pro Bank genügt in der Regel. Schließlich hat die Schulleitung Schließfächer eingerichtet, die für 1,50 Euro pro Monat angemietet werden können. Auch bei Eltern und Schülern hat sich herumgesprochen, dass das Gewicht nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Kerstin Röhlich-Pause vom Schulelternbeirat: "Der beste Ranzen ist der leichteste Ranzen." Ein Schüler übertrieb es allerdings. Um auf seine Belastung aufmerksam zu machen, hatte er kurzerhand Bücher seines Banknachbarn mit in den Ranzen gesteckt. Ein Doping, das ihm bei der Gewichtskontrolle den Spitzenplatz sicherte.