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Sie turnt über Dächer und bringt Glück

Sie turnt über Dächer und bringt Glück

Schornsteinfegermeisterinnen mit eigenem Kehrbezirk gibt es wenige. Anja Düren in Saarburg ist eine von ihnen. Für sie ist die vielfältige Tätigkeit ein Traumberuf. Auch in der Freizeit spielt sie gerne mal die Glücksbringerin in Schwarz.

Schornsteinfeger bringen Glück. Daran glauben die Menschen in hiesigen Breiten seit dem Mittelalter (siehe Extra). Das kann auch heute noch zu kuriosen Situationen führen. Schornsteinfegerin Anja Düren erzählt lachend: "Ich war schwarz wie die Nacht, und trotzdem kam eine Mutter mit kleinem Kind auf mich zu und sagte: ,Halten Sie doch mal das Kind fest, damit das Glück überspringt."

Ursprünglich andere Pläne

Der 46-Jährigen machen solche Begegnungen Spaß. Sie gehören für sie zu ihrem Traumberuf dazu. Dabei hatte die gebürtige Westerwälderin, die in Saarburg lebt, ursprünglich andere Pläne. Mit 15 Jahren wollte sie Dachdeckerin lernen. Das war 1985. Düren sagt: "Damals haben die aber keine Frauen für die Lehre eingestellt. Heute ist das anders."

Sie schwenkte um. Als der Schornsteinfeger ins Elternhaus kam, schaute sie ihm bei der Arbeit neugierig über die Schulter. Dann fragte sie, ob sie das Schulpraktikum bei ihm absolvieren könne. Ein Männerberuf, bei dem die Tochter sich auch noch dreckig macht! - die Mutter war dagegen. Die Tochter tat es trotzdem - und fand den Traumjob. Zum Konflikt mit der Mutter sagt sie: "Da habe ich mich durchgesetzt. Bei drei Jungs zu Hause müssen Sie das."

Das nimmt man der burschikosen Frau sofort ab. Wobei die Rollenbilder in ihrer Familie ohnehin nicht klassisch verteilt waren. Von ihrem Zwillingsbruder sagt Anja Düren, dass er "eher einen fraulichen Touch hat und schon immer gerne backte und kochte." Folglich wurde er Bäcker, der Mann in Weiß. Sie sei eher mit dem Vater in der Garage oder den Jungs im Wald gewesen, meint die heutige Frau in Schwarz.

Mit diesem Hintergrund sei der Blockschulunterricht im Internat in Kaiserslautern kein großes Problem gewesen, auch wenn dort 60 männliche Azubis zwei weiblichen gegenüber standen hätten. Düren: "Ich war dort Henne im Korb. Andererseits hatte ich auch zu kämpfen und musste den Lehrern zeigen, dass ich was kann." Das funktionierte offensichtlich ganz gut, denn wegen guter Noten in der Zwischenprüfung konnte Anja Düren die dreijährige Ausbildung verkürzen.

Wegen der Liebe nach Saarburg

Mit 18 Jahren legte sie die Gesellenprüfung ab und ging vom Westerwald "der Liebe wegen" nach Saarburg. Ihr früher Umzug - der nächste Schlag für die Mutter. Der Auserwählte: ein Schornsteinfeger. Sie heiratete ihn schließlich und bekam zwei Kinder. Doch offensichtlich ist auch die Ehe zweier Glücksbringer nicht vor Problemen gefeit. Mittlerweile sind die beiden geschieden, sie verstehen sich laut Düren jedoch gut.

Beruflich ist sie seit 1992 Meisterin und betreut in der zweiten siebenjährigen Phase den Kehrbezirk Saarburg. Sie ist damit laut Innungsobermeister Klaus Kwiatkowski eine von zwei sogenannten bevollmächtigen Bezirksschornsteinfegermeisterinnen in der Region Trier. Die übrigen 60 Bezirke leiten Männer. Düren sagt: "Ich bin im Raum Saarburg gut aufgenommen worden." Lediglich am Anfang hätten Männer auch mal Fangfragen gestellt, um sie zu testen.

In voller Montur zur Hochzeit

Bei ihrer vielfältigen Arbeit liebt Anja Düren den Kontakt zu den Menschen - gerade auf dem Land. Da baue sich oft ein Vertrauensverhältnis auf, und es werde über so manches geredet. Düren: "Die Leute vertrauen dir viel an. Immerhin geben sie dir den Schlüssel, und du läufst in ihrem Haus herum." Gerade auf dem Gau schenkten ihr die Kunden auch schon mal selbst geräucherten Schinken oder selbst gemachtes Gelee. Sie ihrerseits verteilt gerne Nippes mit Schornsteinfegerfiguren drauf, wie Einkaufswagenchips oder Flaschenöffner. Düren meint: "Ich bekomme ein Vielfaches zurück."

Zuweilen ist die 46-Jährige auch in ihrer Freizeit als Schornsteinfegerin unterwegs. Dann nämlich, wenn sie eingeladen wird zu runden Geburtstagen oder auch zu Hochzeiten. Anja Düren sagt: "Ich werde oft gefragt, und es macht mir richtig Spaß."

Bei den Feiern erscheint sie in voller Montur mit Bürste und einem Schwein unterm Arm. Als erstes stößt sie mit dem Paar oder Jubilar mit Sekt an. Ihnen schenkt sie eine Schornsteinfegerfigur in etwas größerer Form, beispielsweise als Schlumpf.

Für die Gäste gibt es die kleinen Nippesfiguren mit Kaminkehrer. Alle sollen Glück haben.
Extra: Das muss ein Schornsteinfeger können

"Schornsteinfeger zu sein heißt nicht nur kehren", sagt Schornsteinfegermeisterin Anja Düren. Für den Job sei enormes Fachwissen nötig. Demnach müssten Schornsteinfeger viel berechnen, zum Beispiel den Druck im Schornstein oder auch Wärmewiderstände. Chemie gehöre dazu, denn schließlich gehe es um Verbrennung. Zudem müssten die Kaminkehrer sich mit Gesetzen und Brandschutz auskennen sowie Baupläne lesen können. Sie böten heutzutage auch Energieberatung an. Doch Wissen ist nicht alles. Laut Düren müssen Schornsteinfeger schwindelfrei sein, um auch mal auf dem First laufen und auf den Schornstein steigen zu können.
Zu den hoheitlichen Aufgaben, die der Schornsteinfeger des Kehrbezirks wahrnehmen muss, gehört die Feuerstättenschau (zweimal in sieben Jahren) und die Abnahme neuer Öfen. Kehren und Messtechnik kann auch ein anderer Kaminkehrer übernehmen. mai
Extra: Glückssymbol

Sie turnt über Dächer und bringt Glück
Foto: Marion Maier

Seit dem frühen Mittelalter gelten Schornsteinfeger als Glückssymbole. Damals gab es in den Häusern offene Herdfeuer. In den Schornsteinen setzte sich der Ruß ab, sie fingen leicht Feuer. Häuser und Städte brannten ab. Um dies zu verhindern, wurden Hauseigentümer verpflichtet, Schornsteine reinigen zu lassen. Sonst drohten Strafen. Der Schornsteinfeger verhinderte also Brände und Strafen. Ein Glücksbringer. mai