So etwas darf nie wieder passieren
SCHWEICH. Mit der von Schauspielerin Barbara Ullmann bewegend gestalteten Lesung aus dem Tagebuch der Anne Frank gingen die vierten Jüdischen Tage in Schweich zu Ende. Aufrüttelnd und intensiv vertiefte dieser Beitrag noch einmal und nachhaltig das Leitthema der Veranstaltungsreihe: "Wider das Vergessen!".
Unter den Besuchern der Synagoge Schweich ist kaum jemand, der das Tagebuch der Anne Frank nicht kennt. Nur zu gut, so geht es aus Gesprächen hervor, erinnern sich auch die, die es schon vor langer Zeit gelesen haben, an Bestürzung, Trauer, Entsetzen und Wut, die das einzigartige menschliche Dokument aus der Zeit des Holocaust bei ihnen ausgelöst hat. Gefühle, die bei der Lesung wieder auferstehen, verstärkt noch, weil da jemand sitzt, der dem Geschriebenen eine Stimme verleiht. Es ist Schauspielerin Barbara Ullmann, die sich intensiv mit dem Tagebuch auseinander gesetzt hat und eigens nach Amsterdam ins Anne-Frank-Haus gereist ist, um Informationen und Eindrücke vom Originalschauplatz mitzubringen. Wuchtige Worte und greifbare Bilder
Und so erleben die Zuhörer die Wucht der Worte zusammen mit greifbaren Bildern. Zum Auftakt sehen sie ein Bild des rotkarierten Tagebuchs, das Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 geschenkt bekommt. Ein Tagebuch, so normal wie das anderer Mädchen und doch besonders, weil es Anne Frank durch zwei Jahre Angst und Ungewissheit begleitet. Denn sie muss mit ihrer vierköpfigen jüdischen Familie, die 1933 von Frankfurt nach Amsterdam gezogen war, am 6. Juli 1942 wegen drohender Deportation untertauchen. Zusammen mit vier weiteren Personen lebt Familie Frank 25 Monate, bis zum Verrat und der Verhaftung am 4. August 1944, versteckt in einem Hinterhaus. Die einzigen Kontakte zur Außenwelt sind Helfer und Nachrichten aus dem Radio. Dort hört Frank einen Aufruf der niederländischen Exilregierung, die Besatzungszeit zu dokumentieren und beschließt, ihre ursprünglich privaten Aufzeichnungen später als Buch zu veröffentlichen. Ein Wunsch, den ihr Vater als einziger Überlebender erfüllen muss, denn sie selbst stirbt 1945 im KZ Bergen-Belsen. Mit Selbstdisziplin und Reife
Barbara Ullmann hat sehr dichte Passagen aus Annes Tagebuch zusammengestellt. Sie berühren deshalb so sehr, weil sie das Bemühen eines Mädchens ausdrücken, sich trotz massiver existenzieller Bedrohung, Träume eines normalen und unbekümmerten Lebens, in dem gelacht und geliebt werden darf, zu bewahren. Ihre Realität aus eingesperrt sein, Angst vor Entdeckung und erzwungener, konfliktgeladener Intimität mit sieben anderen Personen verarbeitet Frank mit erstaunlicher Selbstdisziplin und Reife. Immer wieder versucht sie mit Humor und Hoffnung Oberhand über die Verzweiflung zu gewinnen. Gekleidet in plastische Bilder reflektiert sie ihre Gefühle, wie es kaum ein Erwachsener vermag. Beim Zuhören wächst der Kloß im Hals, vor allem bei der Passage vom 1. August 1944, wo der Konflikt zwischen Innen- und Außenwelt deutlicher wird denn je: "Ich weiß, wie ich bin und wie ich gerne sein würde, ja sein könnte, wenn keine anderen Menschen auf der Welt wären." "Das ist der letzte Eintrag," sagt Barbara Ullmann, steht abrupt auf und überlässt die Anwesenden dem schmerzhaften Bewusstsein, dass hier der Lebensfaden eines Menschen abgerissen ist, dem es wie anderen unschuldig Verfolgten nicht vergönnt war, sich bis zur vollendeten Blüte zu entwickeln. Es ist ganz still im Raum, niemand klatscht, die meisten ringen mit den Tränen. Auch der Organisatorin der Jüdischen Tage und Leiterin der VHS-Schweich, Gertrud Emmrich, steht die Erschütterung ins Gesicht geschrieben, als sie das einzig passende Schlusswort sagt: "So etwas darf nie wieder passieren!".