Starker Wille gegen den Schwund

LORSCHEID. Vor mehr als 20 Jahren erkrankte Heinrich Kronz an Muskelschwund. Sein starker Wille und eine positive Lebenseinstellung helfen ihm, mit der Krankheit zu leben.

Heinrich Kronz faltet die Zeitung, legt sie auf die gepackte Tasche und lehnt sich zurück. Gleich wird er das Schlaflabor des Trierer Brüderkrankenhauses verlassen, sich in sein Auto setzen und auf den Weg machen - nach Lorscheid, seinem Zuhause im Hochwald. Doch zuvor soll Kronz noch seine Geschichte erzählen. Von einem Leben wird er berichten, das vorgezeichnet zu sein schien, noch bevor es richtig begonnen hatte. Denn Kronz leidet an Muskelschwund, einer Krankheit, die vererbbar ist. Doch davon erfuhr der Lorscheider erst, als er sein 45. Lebensjahr bereits vollendet hatte.Rückblick ins Jahr 1980: "Wenn Sie Glück haben, können Sie noch fünf Jahre gehen" - die Prognose des Professors aus Heidelberg traf Kronz wie ein Schlag. Dabei hatte Lorscheider schon einiges durchmachen müssen: Allein in den zurückliegenden sechs Monaten hatte er drei Herzinfarkte erlitten. Vom Trierer Elisabeth-Krankenhaus war Kronz zunächst nach Mainz und von dort ins Uniklinikum Heidelberg überwiesen worden. Dort wird ihm auch die schlimme Diagnose gestellt: Muskeldystrophie, auch Muskelschwund genannt. Eine Erbkrankheit, gegen die es keine Medizin gibt.Doch 23 Jahre nach der Fünf-Jahres-Prognose kann Kronz noch immer laufen. Nicht, dass der Heidelberger Spezialist Panikmache betrieben hätte; der Lorscheider scheint vielmehr der lebende Beweis dafür zu sein, was ein starker Wille und eine positive Lebenseinstellung auch bei einer schweren Erkrankung noch ausrichten können.Als Kronz von seiner Krankheit erfuhr, kutschierte er noch als Busfahrer Fahrgäste durch Triers Straßen. "Die Stadtwerke waren super", schwärmt er noch heute von seinem einstigen Arbeitgeber. Im Unternehmen fand man für den kranken Kollegen schnell eine neue Verwendung, setzte ihn fortan in der Anlagenüberwachung ein. Eine Tätigkeit, die ihm körperlich nicht mehr allzu viel abverlangte, ihn geistig jedoch fit hielt. Zehn Jahre arbeitete Kronz noch bei den Stadtwerken, dann führte kein Weg mehr an der Frühverrentung vorbei. "Ich wäre gerne noch ein paar Jahre arbeiten gegangen", sagt er. "Noch", sagt Kronz oft. Noch kann er Auto fahren, dank Servolenkung und Automatik. Noch arbeitet er in seiner kleinen Schreinerwerkstatt, bastelt Geschenke und sorgt im Sommer für seine Bienenvölker.Noch kann Heinrich Kronz gehen, aber "der Rollstuhl schwebt vor mir". Er macht sich keine Illusionen, schließlich schreitet der Muskelschwund - wenn auch langsam, doch kontinuierlich - fort.Angst vor der drohenden Bewegungsunfähigkeit? "Hab ich nicht", versichert der Rentner überzeugend."Ich habe jetzt soviel hinter mir...", sagt er und führt den Satz nicht zu Ende. Stattdessen berichtet er von einem Granatsplitter, den er seit seinem achten Lebensjahr mit sich tragen muss, weil er in der Wirbelsäule steckt und sich "da niemand ran traut", was Kronz indes wenig stört.Kinder und Enkel alle gesund

Oder er erzählt von den chronischen Schmerzen in seinen Gelenken, die jedoch nichts mit seinem Muskelschwund zu tun haben. Weil es keine Medizin gibt, nimmt Kronz auch keine Medikamente gegen die Muskeldystrophie, er schwört auf "viel Bewegung, ohne sich zu überfordern".Kronz klagt nicht. "Ich hab mich nie unterbuttern lassen", sagt er. Auch damit, dass er seit ein paar Wochen nachts ein Beatmungsgerät tragen muss, hat er sich schnell arrangiert. Berichtet der Lorscheider von seiner Krankheit, spricht der Fachmann aus ihm. Der 67-Jährige klingt dann ein wenig abgeklärt, und der Laie fühlt sich schnell überfordert. Kronz weiß, wohin die Krankheit auch bei ihm führen kann. Das Schicksal seiner Schwester hat es ihm drastisch vor Augen geführt: Sie starb mit 47 Jahren an Muskelschwund, der bei ihr im Alter von 20 Jahren diagnostiziert worden war.Er fühle sich wohl, sagt Kronz, er wolle weiter gegen seine Krankheit angehen. Seinen drei Kindern und drei Enkeln dürfte zumindest dieser Kampf erspart bleiben: "Alle sind gesund, wir haben sie speziell untersuchen lassen", freut sich der Vater und Großvater.

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