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Archiv: Stolpersteine in Saarburg - "Nazidreck schlummert in vielen Köpfen"

Archiv : Stolpersteine in Saarburg - "Nazidreck schlummert in vielen Köpfen"

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt am Freitag in Saarburg insgesamt 32 seiner Stolpersteine, die an jüdische Opfer des NS-Terrors aus der Stadt erinnern. Die Kunstaktion vorbereitet hat der Arbeitskreis "Stolpersteine in Saarburg" des Vereins für offene Jugendarbeit in Kooperation mit Schülern des Gymnasiums.

Bisher erinnert in der Saarburger Innenstadt nur eine Plakette neben der Zulassungsstelle an die Verfolgung der Juden während der NS-Zeit. Sie konnte vor etwa drei Jahrzehnten erst nach längerem Streit im Stadtrat angebracht werden. Inzwischen geht man in der Stadt offen mit dem Thema NS-Terror an Juden um. Und so war es kein Problem, als Edith van Eijck, SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat und Sprecherin des Arbeitskreises "Stolpersteine in Saarburg", im Rat vorschlug, Stolpersteine in der Stadt überall dort zu verlegen, wo Juden wohnten. "Wir waren uns schnell mit allen Fraktionen einig", erzählt van Eijck.

So lebte die Familie von Nathan Meyer in der Hauptstraße 25 in Beurig, wo heute die Sparkassen-Filiale ist. Nathan Meyer wurde am 5. Februar 1884 geboren. Er war Inhaber des größten Viehhandelsunternehmens in einem Umkreis von 200 Kilometern. Im Ersten Weltkrieg wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Wegen regimekritischer Äußerungen saß er zweimal im Saarburger Gefängnis in "Schutzhaft". Mit gefälschten Papieren überlebten er und seine Frau Hedwig die NS-Zeit in Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er zurück. Er starb am 25. April 1957, seine Frau bereits am 27. Januar 1952.
Die Meyers hatten vier Kinder: Ernst David (geboren am 5. Mai 1911, ermordet am 25. Juli 1942 in Auschwitz); Johanna (geboren am 6. Januar 1913, sie überlebt in Frankreich); Gertrude (geboren am 28. März 1914, ebenfalls am 25. Juli 1942 ermordet); Siegfried (geboren am 23. Februar 1915, er stirbt am 2. April 1945 an Hunger und Erschöpfung im Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge).

Die Familie von Alfred Kahn wohnte von 1922 bis 1936 unter der Adresse Graf-Siegfried-Straße 109, heute Hausnummer 20. Er war der Besitzer des Kaufhauses Salomon, des führenden Hauses für Damenstoffe in der Stadt. Mit seiner Familie flüchtete er 1936 nach Frankreich.
Alfred Kahn wurde am 6. Mai 1895 in Sohren (Rhein-Hunsrück-Kreis) geboren. Er stirbt 1947. Seine Frau Meta (geboren am 16. Oktober 1896) überlebt den NS-Terror ebenfalls und emigriert 1950 nach Amerika. Sie stirbt am 17. Juli 1952 in New York. Auch die Töchter Hilde (geboren am 29. Dezember 1923) und Margot (geboren am 23. September 1928) überlebten versteckt in Frankreich.

Dies sind nur zwei Beispiele aus der Forschungsarbeit des Arbeitskreises "Stolpersteine in Saarburg", die die Gruppe für die Broschüre Zweiunddreißig Stolpersteine für Saarburg gesammelt hat. Neben Forschungsarbeiten von Jugendlichen des Gymnasiums Saarburg ist auch das Wissen des gebürtigen Beurigers Ewald Meyer eingeflossen. Der 82-jährige Heimatforscher hat selbst den NS-Terror an der jüdischen Bevölkerung miterlebt. "Mein Patenonkel ist ein Opfer der Euthanasie." Die Nazis ermordeten zwischen 1940 und 1941 etwa 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, darunter viele aus der Region. Dem früheren Hauptschullehrer ist wichtig, dass die Namen der Verfolgten sichtbar werden. "Die Leute müssen wachgerüttelt werden, damit so etwas nicht wieder passiert", sagt Meyer.

Edith van Eijck pflichtet Meyer bei: "Der Nazidreck schlummert in vielen Köpfen. Das kann man aktuell beobachten, wenn sich Deutsche dagegen wehren, dass Asylbewerber in ihre Nachbarschaft ziehen. Die Stolpersteine mahnen zur ständigen Wachsamkeit." Sie selbst gibt zu, dass die Beschäftigung mit den Gräueltaten der Nazis kein schönes Thema ist, denn die Recherche sei oft trostlos. Andererseits ist sie stolz: "Das Projekt konnte ohne staatliche Hilfe umgesetzt werden. Die Steine wurden mit den erhaltenen Spenden finanziert."

Spenden können weiterhin unter dem Stichwort "Stolpersteine" an den Verein für offene Jugendarbeit Saarburg e.V., Kontonummer 170075246, Sparkasse Trier, Bankleitzahl 58550130, überwiesen werden.Extra

Die Verlegung der 32 Stolpersteine beginnt um 9.30 Uhr mit einer vom Arbeitskreis "Gegen das Vergessen, Stolpersteine für Saarburg" organisierten Feierstunde in der Kulturgießerei, Staden 130. Die ersten Stolpersteine werden ab 11 Uhr vor dem Haus Klosterstraße 8 verlegt, es folgen um 11.20 Uhr die Steine vor der Klosterstraße 14, 11.40 Uhr Klosterstraße 15, 12 Uhr Hauptstraße 25, Sparkasse Beurig, 12.20 Uhr Graf-Siegfried-Straße 20, 12.40 Uhr Graf-Siegfried-Straße 28, 13 Uhr Graf-Siegfried-Straße 39. 16 Uhr Eröffnung der Ausstellung in der Kulturgießerei mit den Stolperstein-Ausarbeitungen der Saarburger Gymnasiasten. itz