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Streit um Stele gegen Kindesmissbrauch: Inschrift auf Gedenkstein für Bürgermeister nicht akzeptabel

Streit um Stele gegen Kindesmissbrauch: Inschrift auf Gedenkstein für Bürgermeister nicht akzeptabel

Die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kritisiert Jürgen Dixius. Der Stadtbürgermeister hat seine Zusage, einen Gedenkstein dauerhaft in Saarburg aufzustellen, zurückgezogen. Der Stein erinnert an Pascal Zimmer aus Saarbrücken-Burbach, der vor 14 Jahren unter bis heute ungeklärten Umständen verschwand.

Saarburg/Siershahn. In einem Punkt sind sich die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (kurz: Initiative), das Bistum und die Stadt Saarburg sicherlich einig: Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist in keiner Form zu tolerieren. Aus diesem Grund hatten die drei Partner dieses Thema auch in den Mittelpunkt der Schirmtage vor sechs Wochen gestellt.Plastik gemeinsam enthüllt


Einigkeit demonstrierte man damals in der Kulturgießerei auch beim Enthüllen einer Plastik des Künstlers Bruno-Johannes Harich, die an das Verschwinden des fünfjährigen Pascal Zimmer im Herbst 2001 erinnert (siehe Hintergrund rechts). Doch inzwischen übt der Vorsitzende der Initiative, Johannes Heibel, der in Siershahn (Westerwaldkreis) lebt, massiv Kritik an Jürgen Dixius. Der Grund: Der Stadtbürgermeister habe seine Zusage, den Gedenkstein im Zentrum der Stadt auszustellen, zurückgezogen. Dixius habe als Begründung hierfür unter anderem auch angeführt, dass der Text einer Bronzeplakette auf dem Fuß des Gedenksteins (siehe Extra) nicht akzeptabel sei. "Die ist aber grundsätzlich nicht verhandelbar", sagt Heibel im TV-Gespräch. Dixius stört sich daran, dass mit der Inschrift auf der Bronzeplakette die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz dafür kritisiert wird, dass sie ein Aufstellen der Stele in der saarländischen Landeshauptstadt ablehnt. "Wenn wir den Text so übernehmen würden, würde das Ganze zu einem Politikum werden", sagt der Stadtbürgermeister auf TV-Anfrage. "Wir kennen die Gründe nicht, mit denen in Saarbrücken der Wunsch der Initiative, die Plastik zu zeigen, abgelehnt wurde." Dort, wo der Gedenkstein zurzeit steht, könne er dauerhaft nicht ausgestellt bleiben.
"Er passt einfach nicht in den Kontext des Museums", sagt Anette Barth, Geschäftsführerin des Lokalen Bündnisses für Familien in der Verbandsgemeinde Saarburg. Die Kunsthistorikerin ist der Meinung, dass die Statue ins Saarland gehört, und zwar dorthin, "wo Pascal Zimmer gelebt hat".
Enttäuscht von der Entscheidung der Stadt ist auch Birgit Wald. Die Leiterin der Fachstelle Kinder- und Jugendschutz im Bistum Trier hätte sich gefreut, wenn mit einer dauerhaften Lösung in Saarburg die Öffentlichkeit das Thema Kindesmisshandlung öfter diskutieren würde. "Die politisch Verantwortlichen sind aufgerufen, Flagge zu zeigen und mutig damit umzugehen", sagt Wald.
Stadtbürgermeister Dixius kann sich trotz der Kontroverse weiterhin vorstellen, den Gedenkstein - "ohne den von mir kritisierten Zusatz" - in Saarburg zu präsentieren. "Das Thema ist wichtig. Wir müssen die Menschen sensibilisieren, so dass sie Gewalt und sexuellen Missbrauch von Kindern unmöglich machen." Hierin ist er sich mit Wald einig.Meinung

Dem Missbrauch ein Gesicht geben
Gewalt gegen Kinder ist alltäglich. Deswegen wäre ein Gedenkstein im öffentlichen Raum, der dieses gesellschaftliche Problem thematisiert, angezeigt. Das Schicksal des Burbacher Jungen Pascal Zimmer gibt dieser Thematik auch ein Gesicht. Deshalb ist es kein Argument, zu sagen, dass die Stele des Künstlers Bruno-Johannes Harich nach Saarbrücken gehört. Dass der Text auf der Bronzeplakette am Fuß der Plastik verstört, ist da schon eher nachvollziehbar, kann aber letztlich auch nicht überzeugen. Die Kritik an der Oberbürgermeisterin der Stadt Saarbrücken ist Teil des Kunstprojekts - steht sie doch symbolisch auch für das Wegschauen der Gesellschaft in Fällen von Gewalt und sexuellem Missbrauch von Kindern. Dass die Kulturgießerei dauerhaft als Ort für die Präsentation des Gedenksteins ausscheidet, dürfte aber klar sein. Das Ambiente passt nicht zum Thema. Die Streithähne sollten sich noch mal zusammensetzen und in puncto Inschrift und Standort nach einer Lösung suchen. saarburg@volksfreund.deExtra

Gegen das Vergessen Gewalt an Kindern gehört zu den abscheulichsten Verbrechen. Mit dem Gedenkstein "Gegen das Vergessen" erinnert die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e. V. an den seit dem 30. September 2001 vermissten Saarbrücker Jungen Pascal Zimmer - und mit ihm an alle Kinder, denen schweres Leid zugefügt wurde. Da bisher keine Leiche des damals 5-jährigen Kindes gefunden wurde, konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden, was mit Pascal passiert ist - trotz umfangreicher Ermittlungen und einer gerichtlichen Hauptverhandlung. Belegt ist dagegen, was dem Jungen vor seinem Verschwinden angetan wurde. Wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch an Pascal und seinem Freund B. M. wurde Peter W. S. zu einer Freiheitsstrafe von 7 Jahren rechtskräftig verurteilt. Trotzdem lehnte es die Oberbürgermeisterin der Stadt Saarbrücken ab, den "Gedenkstein gegen das Vergessen" aufzustellen, und behauptete, der sexuelle Missbrauch an Pascal Zimmer wäre nicht erwiesen.Extra

Pascal Zimmer wäre heute 19 Jahre alt. Er verschwand im Herbst 2001 im Saarbrücker Stadtteil Burbach. Sein Verschwinden konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Zunächst wurde gegen Pascals damals 18-jährige Stiefschwester ermittelt. Eine jüngere Schwester hatte zunächst ausgesagt, dass sie ihren Bruder nach einem Streit mit einer Schaufel erschlagen hätte. Später widerrief sie diese Aussage. Ein Jahr später berichtete ein Junge namens Kevin der Polizei, dass er und Pascal von mehreren Stammgästen in einem Hinterzimmer der Tosa-Klause mehrfach missbraucht wurden. Drei Jahre nach Pascals Verschwinden begann vor dem Landgericht Saarbrücken der Prozess gegen elf Angeklagte und die Kneipenwirtin. Schon nach zwei Verhandlungstagen wurde der Angeklagte Sch. zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er gestanden hatte, sich an den Jungen im Hinterzimmer der Gaststätte vergangen zu haben. Nach 147 Verhandlungstagen wurden die übrigen Angeklagten im September 2007 vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen. Der heutige Bundesjustizminister Heiko Maas nannte die Entscheidung damals "zum Kotzen". itz