Tagen am Ort des Terrors

HINZERT. Es war eine Premiere: Erstmals fand im neuen Dokumentations- und Begegnungshaus an der Gedenkstätte SS-Sonderlager/ KZ Hinzert eine Tagung statt. Ihr Thema: Hinzert und andere Orte des Verbrechens in den Lagersystemen der NS-Diktatur. Hinzert hatte eine spezielle Funktion im Terror.

"Es ist intensiver und praxisbestimmter, an einem authentischen Ort Fragen zu erörtern, als in einem neutralen Universitätssaal", sagte Professor Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin (TU). Er war einer der elf Referenten, die sich in dem Dokumentations- und Begegnungshaus an der KZ-Gedenkstätte Hinzert mit dem Thema "Konzentrationslager, Sonderlager, Polizeihaftlager - Hinzert und andere Orte des Verbrechens in den Lagersystemen der NS-Diktatur" beschäftigten.Öffentlich entlaust

Sechzig Teilnehmer, zum Großteil Lehrer aller Schularten aus Rheinland-Pfalz, erfuhren, dass Hinzert ein Lager mit speziellen Aufgaben innerhalb des KZ-Systems war: "Hinzert war ein ganz spezielles Lager", sagte Benz. Zum einen, weil es erst gar nicht in das System der Konzentrationslager einzuordnen gewesen sei, und zum anderen aufgrund seiner besonderen Öffentlichkeit. "Die Menschen aus den umliegenden Dörfern wussten von dem Konzentrationslager, in dem Menschen gequält wurden", sagte Benz. Kirchgänger seien sonntags bis an den Zaun gegangen und hätten sich an den Häftlingen belustigt. Die Nationalsozialisten hätten darauf reagiert, sagte Benz. "Sie haben die Häftlinge öffentlich vorgeführt, sie haben ihre Macht öffentlich demonstriert." So hätten sich die Häftlinge etwa splitternackt vor den Zaun stellen müssen und seien öffentlich nach Läusen abgesucht worden. Über Forschungsergebnisse das Lager in Hinzert betreffend informierte auch Uwe Bader von der Landeszentrale für politische Bildung, die die Tagung gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin veranstaltete. "Hinzert hatte in den Lagersystemen mehrere Funktionen", sagte Bader. Es sei ursprünglich als Polizeihaftlager, dann als "Arbeitserziehungslager" für am Westwall eingesetzte, im nationalsozialistischen Sinne straffällig gewordene Arbeiter der Organisation Todt errichtet worden. "Das waren beispielsweise Arbeiter, die nicht pünktlich waren oder Alkohol tranken", sagte Bader. Mit Kriegsbeginn habe das Lager eine andere Funktion bekommen: Politische Gegner der nationalsozialistischen Diktatur seien nach Hinzert gebracht worden. "Etwas später wurden auch Widerstandskämpfer aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern ins Konzentrationslager Hinzert deportiert", sagte Bader. Zeitweise seien auch polnische Zwangsarbeiter, die verbotene Beziehungen zu "reichsdeutschen" Frauen unterhielten, in Hinzert eingesperrt worden. "Wenn sie ein arisches Aussehen hatten, bekamen sie dort eine Chance, ihr ,Deutschsein‘ zu beweisen", sagte Bader. Von Mai bis Oktober 1943 seien zumeist französische, aber auch belgische und niederländische Mitglieder der nationalen Widerstandgruppen nach Hinzert deportiert worden. Diese "Nacht-und-Nebel-Gefangenen" sollten in ihrer Heimat spurlos verschwinden und unter größter Geheimhaltung nach Deutschland verschleppt werden. Zudem wurden auch zahlreiche luxemburgische Widerstandskämpfer nach Hinzert verschleppt. "Aufgrund der verschiedenen Sonderfunktionen, die dem Lager im Lauf der Zeit übertragen wurden, blieb es bei der Bezeichnung "SS-Sonderlager", obwohl es vom Wirtschafts- und Verwaltungsamt ab 1942 wie ein Konzentrationslager geführt wurde", sagte Bader."Andere Qualität"

Nach zahlreichen Informationen und Diskussionen über Hinzert und andere Orte des Verbrechens in den Lagersystemen der NS-Diktatur waren sich Tagungsteilnehmer und Veranstalter nach Auskunft Baders einig: "Es ist wichtig, Informationen aus der Fachwelt an diejenigen weiterzugeben, die in Schule und Politik tätig sind." Und am Ort des Terrors und des Leidens zu tagen, habe nochmals eine andere Qualität, sagte Bader.