1. Region
  2. Konz, Saarburg & Hochwald

Tipps vom Experten: Was kann der Naturpark zum Hochwasserschutz beitragen?

Wasserrückhalt : Was kann der Naturpark zum Hochwasserschutz beitragen? Experte gibt Hinweise

Wälder und Ackerböden können dabei helfen, Wasser besser zu speichern und Überflutungen vorzubeugen. Wo man im Naturpark Saar-Hunsrück konkret ansetzen könnte, dazu hat ein Experte von der Universität Koblenz einige Tipps gegeben.

Der Naturpark Saar-Hunsrück ist 2055 Quadratkilometer groß und erstreckt sich über zwei Bundesländer – vom Saargau bis kurz vor Idar-Oberstein. Viel Fläche, die einen Beitrag zum Schutz vor Hochwasser und Starkregen leisten könnte. Wie genau, dazu haben sich die Mitglieder des Naturpark-Vereins (siehe Hintergrund) bei ihrer Jahresversammlung – coronabedingt per Videokonferenz – den Rat eines Experten eingeholt.

Online zugeschaltet war Dr. Julian Zemke von der Universität Koblenz/Landau, Fachmann für physische Geografie. Er erklärte, wie Landschaft gezielt als „dezentraler Wasserspeicher“ genutzt werden kann. „Das Thema ist seit der Flutkatastrophe im Sommer in aller Munde. Uns als Kommunen beschäftigt es angesichts der zuletzt sehr trockenen Sommer schon länger“, stellte der Naturpark-Vorsitzende Udo Recktenwald, Landrat des Landkreises St. Wendel, fest. Die Schäden durch Starkregen und Hochwasser nähmen zu, wenn sie auch glücklicherweise nicht immer so dramatisch ausfielen wie jüngst im Ahrtal.

Im Fokus von Zemkes Vortrag stand das Ziel, Wasser im Boden auf natürliche Weise zurückzuhalten statt es schnell und konzentriert abfließen zu lassen. Das habe gegenüber baulichen Mitteln wie Rückhaltebecken einige Vorteile, schilderte der Fachmann. Die Becken verbrauchten Fläche, verursachten hohe Kosten und seien angesichts des Klimawandels auf künftige Starkregen-Ereignisse oft gar nicht mehr ausgelegt. Besser sei es daher, den Abfluss von Oberflächenwasser gar nicht erst entstehen zu lassen.

Entscheidend dabei sei, so Zemke, wie viel Wasser ein Boden aufnehmen könne. Beeinflusst werde dies unter anderem durch dessen Verdichtung, den Humusanteil und die Poren, die Feuchtigkeit hindurchlassen. Genauer ging der Fachmann auf zwei Flächentypen ein, die Probleme, aber zugleich auch Chancen für einen besseren Wasserrückhalt böten: Wälder und landwirtschaftliche Flächen.

„Waldböden können grundsätzlich sehr gut Wasser aufnehmen, sie sind recht locker, humusreich und haben große Porensysteme“, sagte Zemke. Allerdings wirkten alle Arten von Wegen und Rückegassen für die Holzernte „extrem nachteilig“ aus. „Wirtschaftlich ist es notwendig, dass die schweren Maschinen dort fahren. Das muss auch nicht alles weg“, betonte der Wissenschaftler. „Aber wir können an einigen Stellschrauben drehen.“ So könne mehr darauf geachtet werden, bei nassem Waldboden den Fahrzeugeinsatz zu verschieben. Statt immer neue Fahrspuren zu erzeugen, sollten möglichst vorhandene genutzt werden, um weniger Flächen zu verdichten. Auch könne der Druck der Fahrzeuge durch technische Lösungen auf den Boden besser verteilt werden.

Anhand eigener Untersuchungen skizzierte Zemke, wie der Boden an solchen Stellen im Wald nachweisbar verdichtet wird und kaum noch Wasser aufnimmt: „Und der Boden vergisst das auch fünf Jahre später noch nicht. Das ist nur sehr schwer rückgängig zu machen.“ Das Wasser staue sich oberhalb, und über die Waldwege bilde sich bei Starkregen eine Art „Fließgewässernetz“, das Wasser konzentriere. Irgendwann komme dieses Wasser dann „plötzlich in einem Strom aus dem Wald geschossen“.

Die Wege seien auch bei landwirtschaftlichen Flächen das größte Problem. Zemke zeigte auch Bilder eines Grabens, den ein Landwirt zur Entwässerung seines Ackers angelegt hatte, durch den sich das Wasser aber noch stärker konzentrierte: „Solche Gräben sind extrem nachteilig für den Wasserrückhalt.“

Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald, der mitten im Naturpark-Gebiet liegt, habe man Gräben gezielt entfernt. Sie waren im 19. Jahrhundert eingezogen worden, um die Moore zu entwässern und Fichten dort  pflanzen zu können. Im Nationalpark seien zudem Wege bewusst zurückgebaut worden. Effekte der Maßnahmen sind laut Zemke messbar: Regenwasser bleibe dort länger in den Böden, werde langsamer abgegeben. „Das bedeutet bei Hochwasser-Ereignissen natürlich mehr Zeit, um reagieren zu können.“

Nach dem Vortrag erkundigte sich Bernhard Alscher, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Birkenfeld: „Wie gehen wir nun als Naturpark mit diesen Erkenntnissen um?“ Mitglied Hans-Jürgen Prümm aus Waldrach sah eine „große Aufgabe für Forst- und Landwirtschaft“, mit denen man gemeinsam Lösungen finden müsse. Julian Zemke empfahl den Gemeinden zunächst eigene Bestandsaufnahmen: „Wo haben Sie inakte Wälder? Wo könnten Sie Lücken schließen?“. Zudem könne man überlegen, wo Wege zurückgebaut und Erosionslinien entfernt werden könnten, und wo es Verrohrungen gebe, die den Wasserrückhalt verhinderten.

Man werde im Naturpark-Vorstand beraten, sagte Udo Recktenwald, „wie wir auf Entscheidungsträger zugehen und mit ihnen gemeinsam einen anderen Weg gehen können“. Denkbar sei auch ein eigenes Naturpark-Projekt. Das Fazit des Birkenfelder VG-Chefs Alscher: „Wir müssen also dicke Bretter bohren.“