Tschernobyls vergessene Kinder

WORMELDANGE/BOLLENDORF. Not macht nicht vor Grenzen halt, Hilfe auch nicht: Gemeinsam kämpfen ein Verein aus dem luxemburgischen Wormeldange und die Malteser aus Bollendorf für Menschen, die an den Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl leiden. Besonders die Kinder liegen beiden am Herzen.

Gegen das Vergessen kämpfen. Das tut René Mesenburg, Präsident des Vereins EHTK (En Häerz fir d' Tschernobyl-Kanner Luxembourg/Belarus), jeden Tag. Zwanzig Jahre ist es her, dass sich im ukrainischen Tschernobyl der größte anzunehmende Unfall (Gau) in der zivilen Atomenergienutzung ereignete. Am 26. April 1986 verseuchte nach einer Kettenreaktion im dortigen Atomkraftwerk eine radioaktive Wolke etwa 200 000 Quadratkilometer Erde in Russland, der Ukraine und Weißrussland. Seitdem starben Studien zufolge 50 000 bis 100 000 Menschen, Zehntausende leiden an Behinderungen infolge der Strahlenbelastung. Besonders die Kinder sind betroffen: Missbildungen und Schilddrüsenkrebs sind an der Tagesordnung. Schlimmer noch: Oft fehlt das Geld für Medikamente. Die Kinder werden in Heime gebracht, weil die Eltern nicht mehr für sie sorgen können. Trotzdem ist Tschernobyl für viele Vergangenheit. Für Mesenburg und seine Mitstreiter beim EHTK ist die Katastrophe allgegenwärtig. Denn fast jeden Monat schicken sie Transporte mit Lebensmitteln, Kleidern, Medizin und Möbeln vom luxemburgischen Wormeldingen an Altenheime, Kinderheime, Schulen und Kindergärten in Weißrussland und Russland. Dabei hat alles mal ganz klein angefangen. Mit einigen Menschen und einem LKW Hilfsgüter im Gründungsjahr 1995. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Im Jubiläumsjahr 2005 waren mehr als 65 LKW-Ladungen und 90 000 Pakete im Wert von mehr als 20 Millionen Euro nach Weißrussland und Russland gebracht worden. Alles finanziert aus Spenden. Jeden ersten Samstag im Monat kann man alles, was ganz und sauber ist, im Lager in Wormeldingen abgeben und sich dort einen Film über die Not nach der Tschernobyl-Katastrophe ansehen. "Es sind hauptsächlich Privatleute, die spenden", sagt Mesenburg. Aber auch Vereine und Organisationen helfen mit."Tschernobyl ist nicht vorbei"

Eine feste Institution ist inzwischen die Kooperation mit Josefa Sander vom Malteser-Ortsverein Bollendorf (siehe Extra), der sich auf Spenden nach Russland konzentriert, und Georgette Linster von der Pfarrei Belair. Sie steuern etwa 20 Prozent der Sachspenden bei, die zu den hilfsbedürftigen Menschen gebracht werden. Neben seinen Hauptpartnern stehen Mesenburg auch viele andere Menschen grenzüberschreitend zur Seite - zum Beispiel der Frauenverein Wincheringen, der Wolldecken strickt, oder die 600 Privatleute, die sich an der Zehn-Cent-Aktion beteiligt haben. Sie spenden jeden Tag zehn Cent, damit Kinder, die unter Verstrahlungskrankheiten leiden, jeden Tag ihre lebensnotwendigen Medikamente bekommen. Dabei profitieren alle von der gemeinsamen Logistik. Denn die Abwicklung ist nicht leicht. An ständig sich ändernde Bestimmungen und Auflagen hat sich Mesenburg gewöhnt. Schließlich investiert er täglich fast zehn Stunden in diese Arbeit. Wichtiger Bestandteil ist dabei auch der jährliche Erholungsaufenthalt von etwa 100 Kindern in luxemburgischen Familien. Diese Kinder bekommen jedes Jahr mehrmals Pakete von ihren Gasteltern. Zu den Projekten des EHTK gehört auch die Sanierung von Krankenhäusern, der Bau von Spielschulen und Heimen für Straßenkinder sowie die Sanierung von Schulen. Auch besteht das Angebot von Operationen schwerkranker Kinder in luxemburgischen Krankenhäusern. Arbeit, die nie aufhört. Denn Mesenburg: "Tschernobyl ist nicht zu Ende. Vieles geht jetzt erst los." Denn noch immer sterben Menschen an den Folgen des Gaus. Die Krebs- und Kindersterblichkeitsraten steigen. Einige Quellen sprechen von mehr als 250 000 Opfern. "Experten gehen davon aus, dass Kinder, die in der zweiten Generation nach dem Unfall geboren werden, noch schlimmere Missbildungen haben als die ersten Opfer", sagt Mesenburg. Seine Motivation: "Wenn man einmal an Ort und Stelle war, weiß man, was man zu tun hat." Deshalb kämpft er gegen das Vergessen. Info: René Mesenburg, Um Kecker 5, 5489 Ehnen, Luxemburg, Telefon 00352/769254; Internet: www.ehtk.lu. Öffnungszeiten der Halle in Wormeldange: jeden ersten Samstag eines jeden Monates von 14 bis 17 Uhr.