1. Region
  2. Konz, Saarburg & Hochwald

Unrecht hält sich nicht auf ewig

Unrecht hält sich nicht auf ewig

Die aus Hermeskeil stammende Schriftstellerin Shida Bazyar hat in der Wittlicher Stadtbücherei aus ihrem Roman "Nachts ist es leise in Teheran" gelesen.

Wittlich "Der Glaube an Gott ist einfacher als der Glaube an neue Ideen." Das ist ein Gedankengang, den Behsad bei einer Kundgebung der Kommunisten im Iran im Jahr 1979 hat. Behsad ist eine Romanfigur von Shida Bazyar, ein Revolutionär und Kommunist, der mit Mitte zwanzig neue Hoffnung für sein Land hat. Doch es gibt schon erste Anzeichen, dass es anders kommen könnte. Junge Männer, fast noch Kinder, lassen sich Bärte stehen und werden mit Waffen ausgerüstet. Moscheeverbot gibt es für die, denen nachgesagt wird, sie würden Witze über den Propheten machen.
Das Buch "Nachts ist es leise in Teheran" erzählt die Geschichte einer Familie, die aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist, in vier Kapiteln. Jedes wird aus der Sicht eines Familienmitglieds und im Abstand von zehn Jahren erzählt. Der erste Teil spielt 1979 im Iran, Teil zwei in Deutschland.
Die Autorin liest eine Stelle vor, die einen Grillabend bei einer deutschen Familie schildert. "Behsad nickt. Er nickt immer, wenn Walter etwas sagt. Erst später wird er mit mir darüber diskutieren. Er spricht mit Walter und Ulla über deutsche Literatur. Ich würde mir nie anmaßen, mit ihnen darüber zu sprechen", lautet eine Passage. Die beiden machen sich auch Gedanken über die politische Kultur in Deutschland und fragen sich, ob es etwas geben könnte, wogegen sie rebellieren sollten. Sie sind sich einig, dass es Gründe gäbe, aber die Menschen haben keinen Drang danach.
Von einem Freund im Iran, der dort verhaftet wurde, haben sie schon lange nichts mehr gehört. Die Kultur und die Stimmung im Iran lernt man in dem Kapitel kennen, in dem die älteste Tochter mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester dorthin reist. "Verwandte überall, man wird auf die Wangen geküsst, an der Hand gehalten, erkennt das Lachen der Tante wieder, schaut eigene Kinderfotos an, die man selbst nicht kennt, und Fotos von meinem Vater, der mit seinem vollen schwarzen Haar aussah wie Roy Black im Revoluzzerdress." Laleh, die älteste Tochter im Buch, weiß nicht, wie sie mit den vielen Komplimenten, die ihr gemacht werden, umgehen soll. Da springt ihre Mutter ein und sagt: "Eure Augen sehen es schön."
In der Wittlicher Stadtbücherei, wo die Lesung im Rahmen der Interkulturellen Woche stattfand, hören 50 Besucher aufmerksam zu. Die Autorin liest mit angenehmer, weicher Stimme und in einem Rhythmus, der das Zuhören einfach macht. Durch ihre genaue Schilderung der Räume, in denen sich ihre Figuren befinden, und die manchmal dichte, manchmal verträumte Erzählweise kommen nachdenkliche und spannende Situationen auf. In manchen Personen erkennt man Menschen, etwa in Ulla und Walter, die an eigene Bekannte erinnern.
Später wollen die Besucher wissen, wie viel von dem Roman autobiografisch ist, wie oft die Autorin schon im Iran war und welche Perspektive sie für das Land sieht. Sie sagt, dass sie die Familienkonstellation übernommen habe. Die Figuren selbst seien aber ihrer Fantasie entsprungen. Dreimal war sie bislang im Iran, zwecks Recherche. Mit Zukunftsprognosen für den Iran tue sie sich schwer, da ihr dazu stichhaltige Analysen fehlten. Sie glaubt aber, dass es zu einem Bruch kommen wird, "weil sich Unrecht nicht auf ewig hält."
Das Buch ist im Kiwi-Verlag erschienen, ISBN: 978-3-462-05057-8.

Extra: DIE AUTORIN DES BUCHES


Shida Bazyar wurde 1988 in Hermeskeil geboren und studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Sie lebt in Berlin und arbeitet als Bildungsreferentin für junge Menschen. In der verbleibenden Zeit schreibt sie. Für "Nachts ist es leise in Teheran" ist sie mit dem Kulturpreis der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, dem Bloggerpreis für Literatur und dem Ulla-Hahn-Autorenpreis ausgezeichnet worden.