Viel Gewalt und eine vereitelte Brandstiftung
Hermeskeil/Zerf · Eine der dunkelsten Stunden deutscher Geschichte jährt sich zum 75. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch im Hochwald, vor allem in Hermeskeil und Zerf, jüdische Bürger Opfer gezielter Gewalttätigkeiten. Nazi-Schergen plünderten und zerstörten Häuser und Geschäfte. Beinahe wäre auch die Hermeskeiler Synagoge in Flammen aufgegangen. Doch ein Landwirt verhinderte das.
Hermeskeil/Zerf. In der Geschichtsschreibung ist häufig von der "Nacht, in der die Synagogen brannten" die Rede. Bei dem vom Nazi-Regime gelenkten Pogrom am 9. und 10. November 1938 standen deutschlandweit rund 1400 jüdische Gotteshäuser in Flammen. Es war darüber hinaus eine gezielte Aktion gegen Leben und Eigentum der Menschen dieses Glaubens. Etwa 400 fanden den Tod.
Auch im Hochwald kam es zu gewalttätigen Exzessen, vor allem in Hermeskeil und Zerf. Dabei kennzeichneten vor allem mutwillige Zerstörung und Plünderungen das Geschehen.Die Ereignisse in Hermeskeil
Die jüdische Gemeinde - ihren Höchststand hatte sie 1925 mit 45 Personen - wurde schon vor der Pogromnacht mit antisemitischen Vorfällen konfrontiert. So hatten Unbekannte bereits 1929 auf ihrem Friedhof sämtliche Grabsteine umgestürzt. Am 9. und 10. November 1938 - die Gemeinde war bereits auf elf Menschen geschrumpft - wurden die Häuser der verbliebenen jüdischen Familien demoliert und die Bewohner misshandelt, so die Angaben der Arbeitsgemeinschaft "Alemannia Judaica". Sie erforscht die Geschichte der Juden im süddeutschen Raum.
Der Hermeskeiler Heimathistoriker Kurt Bach hat noch mit mehreren Zeitzeugen sprechen können: "Es wurden damals die Schaufenster von mehreren Geschäften zertrümmert und die Auslagen auf die Straße geworfen." Die Täter waren in erster Linie Einheimische - und zwar die Mitglieder der bereits 1926 gegründeten SA-Ortsgruppe. Sie drangen laut Bach auch in die Synagoge - sie befand sich an der Ecke Martinusstraße/Züscher Straße - ein, schändeten sie und warfen das Inventar und Kultgegenstände teilweise ebenfalls auf die Straße.SA wollte Synagoge anzünden
Dass die SA-Leute die Synagoge nicht auch noch anzündeten, lag laut Bach am Einschreiten des Landwirts Christian Trösch. Sein Anwesen lag in der schmalen Häuserzeile direkt neben der Synagoge. Aus Angst um sein Hab und Gut soll er den SA-Männern mit folgenden Worten gedroht haben: "Dem Ersten, der hier Feuer legt, renne ich meine Mistgabel in den Pans." Die derbe Ansprache wirkte. Die Synagoge blieb äußerlich verschont. Sie wurde erst im März 1945 bei einem Bombenangriff der Amerikaner zerstört.
Zum Zeitpunkt der Pogromnacht lebten in Zerf noch sieben Juden. Das geht aus den historischen Forschungen von Edgar Christoffel ("Der Weg durch die Nacht") hervor. Auch in Zerf kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die laut Christoffel auf das Konto von SA-Leuten aus Losheim gingen. Sie warfen zuerst Steine in die Häuser der jüdischen Mitbürger - so in die Wohnung der Familie Herrmann - drangen dann ein "und gebärdeten sich wie die Vandalen. Sie zerschlugen das Mobiliar und Inventar." Besonders schlimm gedemütigt wurde ein Mann namens Siegfried Leib. "Er wurde durch das Dorf geschleppt und musste wie ein Tier mit dem Mund Gras abreißen", berichtet Christoffel.
Die Folgen der Pogromnacht waren in Hermeskeil dieselben wie in Zerf. Sie markierte hier wie dort das Ende der jüdischen Gemeinde. Wer nicht rechtzeitig ins Ausland floh, wurde Opfer der systematischen Verfolgung durch die Nazis und wurde in den Konzentrationslagern ermordet (siehe Extra).Extra
14 jüdische Mitbürger aus Hermeskeil wurden nachweislich ermordet: Frida und Otto Ackermann, Klara Bach, Ottilie Bonem, Adele, Siegmund und Trudel Heimann, Sara Mendel, Helena Samuel, Ida Scholem, Alfred Süsskind sowie Moritz, Elise und Gertrud Kahn. Die drei Letztgenannten sind die Eltern und die Schwester von Heinz Kahn, der Auschwitz überlebte. Der 91-Jährige wohnt in Koblenz und besuchte zuletzt 2013 seine Heimatstadt. Sieben jüdische Mitbewohner aus Zerf fanden nachweislich den Tod - Josef und Siegfried Herrmann, Heinrich und Hermann Meier sowie Markus, Therese und Isidor Meyer. ax