Viel ruhiger, sauberer und vor allem geordneter

Viel ruhiger, sauberer und vor allem geordneter

TRIER. (red) Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Wolfgang Schleimer (69) aus Trier-Ruwer.

Geboren wurde ich 1937 in Trier und lebte hier bei meinen Eltern bis zu meiner Heirat 1963. Nach den fürchterlichen Kriegswirren, in ständiger Angst lebend, die wir in Luftschutzkellern und Bunkern verbringen mussten, waren wir alle wieder froh, ein normales Leben führen zu können. Ich konnte mich wieder satt essen, konnte meine Garderobe selbst aussuchen - der damaligen Mode entsprechend. 1951 begann ich meine kaufmännische Lehre in einer Trierer Weinkellerei. Die meiste Zeit meiner so genannten Lehre bis 1954 aber verbrachte ich im Weinkeller und in der Packhalle oft abends bis nach Mitternacht. Es wurde überhaupt nicht gefragt, ob ich will oder es mir recht war, es wurde einfach bestimmt, eine Ablehnung meinerseits war nie möglich. Hinzu kamen die täglichen Botengänge zur Bank, Post und Kunden, oft bis zu 10 Mal täglich. Als ich morgens zwischen 7 und 8 Uhr durch die Stadt ging - Paulinstraße, Simeonstraße, Fleischstraße und zurück - waren die städtischen Kehrkolonnen schon fleißig, man sah kein Stück Papier oder Zigarettenstummel auf dem Boden, alles war sehr sauber, im Gegensatz zu heute. Sportlich schloss ich mich einer Jugendgruppe (MIC Trier) und später dem SV Trier 05 an. Jeden Mittwoch von 17 bis 19 Uhr war im damaligen "Bischof-Korumhaus" Touren angesagt. Auch das damals beliebte Feldhandball wurde gespielt. Ein Auto oder Motorrad gab es in meiner Familie nicht. Mein Fortbewegungsmittel war ein Fahrrad. Nach meiner Lehre 1954 war ich bis 1960 in zwei Trierer Einzel- und Großhandelsfirmen als Angestellter tätig. In meiner Lehrfirma las ich oft auf dem Speicher in alten Geschäftsunterlagen, welche alle aus den Vorkriegsjahren und Kriegsjahren mit "Heil Hitler" oder "Mit Deutschem Gruß" endeten. Mein erstes Gehalt als Angestellter, ich war 18 Jahre alt, betrug 135 Mark. Ein Glas Bier konnte man aber auch schon für 35 bis 40 Pfennig bekommen. Der Aufschwung in Deutschland ging riesig voran, die alten Trümmer wurden beseitigt, es wurde gebaut, und die Industrie war weltweit anerkannt. Im TV las ich jeden Tag die neuen Berichte und konnte im Kino "Römertor oder Neues Theater" für 80 Pfennig die neuesten Wochenspiegel bestaunen, mehr Geld war leider nicht vorhanden. Mein ganzes Gehalt musste ich - damals selbstverständlich - zu Hause abgeben. 1955 ging ich in die Tanzschule bei Frau Schneider im "Steingröverweg". Es folgten die traditionellen Mittel- und Abschlussbälle in der alten Treviris oder im Hotel Porta Nigra, die leider heute nicht mehr existieren. Hier ist in Trier viel gesündigt worden. Ein Freund aus dieser Zeit hatte ein Auto seines Vaters zur Verfügung, und so machten wir viele Ausflüge und die Gegend "unsicher", aber nicht im negativen Sinne. Im heutigen Moselstadion (früher hieß es "D'ham") verpasste ich kein einziges Fußballspiel der Eintracht. Wenn Kaiserslautern mit Fritz und Ottmar Walter in Trier spielten, war die Hütte voll. Arbeitslose gab es damals kaum. Ich erinnere mich, dass 1959 in Deutschland 96 000 Menschen arbeitslos gemeldet waren. 1959 wurde in Trier der Heilige Rock ausgestellt, und es strömten Menschen aus allen Ländern der Erde nach Trier. Es war ein unvergessliches Erlebnis für mich. Wenn ich auf die 50er-Jahre zurückblicke, so muss ich feststellen, es war alles oder vieles ruhiger, sauberer und vor allem geordneter als heute, und man konnte auch mal nachts durch die Straßen Triers gehen, ohne Gefahr zu laufen, gesundheitliche Schäden zu erleiden.