Vom digitalen Entwurf zum Tisch aus Meisterhand

Schillingen · Als Schreinermeister in vierter Generation hat Andreas Adams täglich vor Augen, wie sich die Arbeit in dem Handwerk verändert hat. Doch deutlich gravierender sind für ihn die Neuerungen, die die Arbeit am Computer in den vergangenen Jahren mit sich brachte. Teil 3 unserer Serie "Projekt Zukunft" über den Strukturwandel im Kreis Trier-Saarburg.

Schillingen. Der Schreibtisch von Andreas Adams könnte in jedem Büro stehen. Die beiden Computerbildschirme sind zwar relativ groß, aber ebenso alltäglich wie Telefon oder Tablet-PC. Noch nicht einmal Zeichengeräte wie spezielle Lineale oder Zirkel liegen herum, so dass schwerlich zu erahnen ist, womit er sich beschäftigt. Dabei hätte ein Schreinermeister noch vor wenigen Jahren kaum ohne solche Materialien auskommen können. Kunden wollten Skizzen sehen, und die Werkstattmitarbeiter brauchten vernünftige Unterlagen, um ihre Sägen einstellen zu können.TV-Serie Projekt Zukunft


Heute ist das jedoch nicht anders. Wer sich für Möbel von "Adams Schreinerei" (siehe Extra) interessiert, erwartet sogar mehr als schlichte Zeichnungen. Er will sehen, wie die neuen Möbel in seiner Wohnung oder im Büro wirken und ob alles so ist, wie er sich das vorgestellt. Und falls nicht, werden eben schnell Details oder der gesamte Entwurf geändert. Adams wird Erwartungen wie diesen mehr als gerecht. Mit seinem Tablet kann er überall und jederzeit Einblick in den Planungsstand geben. Ebenso wie in der Werkstatt, in der Kunden Hölzer auswählen und ihr künftiges Zuhause auf größeren Monitoren bei einem virtuellen Rundgang erkunden können. Und das wie am Tablet dreidimensional aus unterschiedlichsten Perspektiven - mit austauschbaren Holzfronten, Lichteffekten sowie Wand- und Bodenelementen. "Das macht richtig Spaß - es ist zwar zeitintensiv, aber ein schönes Planen", lässt Adams seiner Begeisterung über die Visualisierung freien Lauf.
Möglich macht sie ein modernes Computerprogramm, das praktisch keine Wünsche offenlässt. Adams montiert sogar reale Fensterausblicke in die Computeranimationen hinein. Er mag sich kaum vorstellen, wieder wie noch vor wenigen Jahren arbeiten zu müssen. Nämlich ausschließlich auf Papier zu planen, was er heute nur für erste Entwürfe tut. "Früher ging ich mit Ordnern zu Kunden hin, heute mit dem Tablet", sagt der 53-Jährige. Allein mit Prospekten oder schlichten Ansichtszeichnungen lasse sich heute nichts mehr verkaufen.
Der aktuelle Wandel, der mit visuellen Planungen Einzug hielt, ist daher für ihn bedeutender als der des Handwerks an sich. Vater und Großvater hätten zwar vorwiegend Fenster und Türen gefertigt und daher eher als Bauschreiner gearbeitet. Doch sein Ur-Großvater baute ebenso wie Adams heute Möbel. Dieses Schreinerfachgebiet verlor erst im Zuge der industriellen Möbelfertigung an Bedeutung.
Inzwischen sind Massivmöbel wieder ein solides Standbein des Betriebes mit fünf Beschäftigten, darunter ein Lehrling. Die Schreinerei fertigt individuell für Bäder, Büros, Küchen und bietet Innenausbau oder auch Trenn- und Schiebetürsysteme an. Ein Alleinstellungsmerkmal sind kreative Raumsparlösungen wie in Schränken oder Schreibtischen verschwindende Betten oder Kommoden, die sich als Tische entpuppen. Dank Adams pfiffiger Ideen stehen Möbel aus Schillingen sogar in Paris oder Monaco. Zunehmend gefragt sind Möbel aus Zirbenholz, einer in den Alpen heimischen Nadelbaumart, die sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken soll.Extra

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft, im Handel und im Handwerk verläuft rasant. Kleine und mittelständische Betriebe haben es in der zunehmend globalisierten Welt immer schwerer, sich zu behaupten. Mehr denn je sind Mut und Innovation gefragt, um den Weiterbestand zu gewährleisten. Der TV stellt in den nächsten Tagen in loser Folge Betriebe vor, die sich dem Projekt Zukunft gestellt und neue, erfolgreiche Strategien entwickelt haben. Nach einem Besuch beim Winzer an der Mosel und bei Landwirten im Saargau sind wir heute beim Schreiner zu Gast.Extra

Knapp 100 Mitgliedsbetriebe hat die Schreinerinnung der Stadt Trier und des Kreises Trier-Saarburg. Vorstandsmitglied Rudolf Müller, der auch Präsident der Handwerkskammer Trier ist, sieht die Branche auf einem guten Weg: "Die Auftragslage ist gut, die Betriebe haben sich auf die geänderten Marktbedingungen und die gestiegenen Kundenwünsche eingestellt." Den klassischen Schreiner, der Fenster und Möbel herstelle, gebe es kaum mehr. Die Betriebe hätten sich spezialisiert; die Zusammenarbeit untereinander nehme zu. Dadurch sei man gegenüber der Industrie auch bei Küchen- und Badmöbeln konkurrenzfähiger geworden. Spezielles Know-How werde immer stärker nachgefragt, etwa wenn es um Barrierefreiheit oder die Allergieproblematik gehe. Müllers Credo zum Strukturwandel: "Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit." alfExtra

Um 1857 gründete Johann Adams, Urgroßvater des heutigen Unternehmers, die Schreinerei auf dem Mühlscheider Hof zwischen Waldweiler und Kell. 1920 verlagerte sein Sohn die Werkstatt nach Waldweiler, 1965 übernahm der dritte Johann Adams und baute am Ortsrand neu. Sohn Andreas erweiterte 1989. 15 Jahre später zog der Schreinermeister nach Schillingen zum Büdelter Hof um. urs