Vom Elend einer Königin

ZEMMER. Mit der sechsteiligen Veranstaltungsreihe "Benefiz-kulTour" werben der Jugendchor Fidei und der Kirchenchor St.Remigius Zemmer derzeit um Spenden für den Neubau der Zemmerer Kirchenorgel. Die jüngste Veranstaltung "Glanz und Elend der Orgel" führte den desolaten Zustand des Instruments drastisch vor Augen.

"Die Orgel ist die Königin der Instrumente", sagte Pfarrer Bernd Seibel zum Auftakt des Abends in der Pfarrkirche St. Remigius in Zemmer. "Sie ist in der Lage, sämtliche Emotionen auszudrücken." Damit, so bewies Organist Stephan Kreutz in einem Orgelkonzert, ist es in Zemmer nicht mehr weit her. Allenfalls deprimierende Gefühle, die von reichlich verblasstem königlichen Glanz künden, sind dem 80 Jahre alten Instrument aus der Werkstatt von Johannes Klais noch zu entlocken. Die getragenen Klänge eines Choralvorspiels von Johann Sebastian Bach beispielsweise gehen fast unter im Brausen des Blasebalgs, der reichlich Luft verliert.Lamm Gottes muss entfallen

Die barocken Läufe des Wiliam Boyce leiden unter Aussetzern etlicher Töne, "O Lamm Gottes unschuldig" von Max Reger muss leider entfallen, da es nicht mehr registriert werden kann. "Ungefähr 13 Stunden musste ich aufwenden, um das Instrument so vorzubereiten, dass es das Programm des heutigen Konzerts noch hergibt, aber der Subbass ist seit vorgestern definitiv weg", erzählt Stephan Kreutz den Besuchern, die sich auf der Empore ein Bild vom Zustand der Orgel machen wollen. Sie registrieren zunächst Äußerlichkeiten: Zersprungene Tasten auf einem völlig verzogenen Spieltisch, einen Motor aus den 30er-Jahren mit offener Wicklung, einen mit Klebeband notdürftig abgedichteten Blasebalg. Entsetzen macht sich breit, als der Organist Teile des Innenlebens zeigt: Registerleisten, aus deren siebartig zerfressenen Oberflächen das Holzmehl rieselt. Mit Galgenhumor sagt Kreutz: "Unsere Holzwürmer sind Feinschmecker", und weist auf eine vor drei Monaten eingebaute lederne Membran, die völlig durchlöchert ist. Nicht nur der Holzwurm, auch Witterungseinflüsse und die Kirchenrenovierung vor zehn Jahren setzten dem - mangels Gehäuse ungeschützten - Instrument zu: Feuchtigkeit von oben durch ein ehemals undichtes Kirchendach, trockene Luft von unten durch die Gebläseheizung, kühle Fallwinde von hinten durch ein Fenster. "Materialien und Technik sind komplett veraltet", erklärt der Organist, zeigt poröse lederne Koppelbälge, Papp- und Bleirohre und das Papier, mit dem der Blasebalg umspannt ist. "Eine Restaurierung ist aufwändig, teuer und garantiert nicht, dass der Holzwurm endgültig beseitigt ist", meint Stephan Kreutz. Vergebliche Versuche seien in den 70er-Jahren gestartet worden. Mindestens 100 000 Euro würde allein der Austausch kaputter Teile kosten, dazu müssten Kosten für die Bekämpfung des Wurmes und bauliche Veränderungen zum Schutz der Orgel gerechnet werden. Das günstigste Angebot für einen Neubau mit moderner Technik und 24 statt der vorhandenen zehn Register liegt derzeit bei 170 000 Euro. 60 Prozent der Summe müssten aufgebracht werden, damit die Genehmigung vom Generalvikariat erteilt wird. Die bislang eingegangenen Spendengelder jedoch decken noch nicht 25 Prozent. Bei weiteren Veranstaltungen wie der Chormusik von Gregorianik bis Jazz am 13. März um 18 Uhr in der Pfarrkirche Zemmer soll erneut gesammelt werden. "Wir bräuchten einen richtigen Sponsor", meint Stephan Kreutz. Wer den Neubau der Zemmerer Orgel unterstützen möchte, kann sich an den Jugendchor Fidei, Telefon 0651/9668384, E-Mail: info@jugendchor-fidei.de wenden.