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Vom Laufsteg ins Lokal - Moderne Hunsrücker Tracht soll auch getragen werden

Vom Laufsteg ins Lokal - Moderne Hunsrücker Tracht soll auch getragen werden

Eine Designlinie mit Hunsrückbezug haben Studierende aus Trier vor sechs Monaten am Erbeskopf vorgestellt. Sie hat inzwischen für reichlich Furore gesorgt, unter anderem bei einem spektakulären Messeauftritt in China. Bleiben die etwas anderen Trachtenentwürfe nun in den Schränken der Kreativen hängen? Wirtschaftsministerin Eveline Lemke zumindest setzt sich dafür ein, dass die Modelle in Serie gehen.

Thalfang/Birkenfeld. Gut ein halbes Jahr ist es her, dass Studentinnen der Hochschule Trier bei der Eröffnung des Nationalparks Hunsrück-Hochwald mit ungewöhnlichen Entwürfen für eine Hunsrück-Tracht für Aufsehen sorgten. Sie waren anders, als man sich gemeinhin regionaltypische Kleidung vorstellt. Es gab kurze und bodenlange Dirndl, hochgeschlossene und rückenfreie, welche mit Schürzen und andere mit Schleifen, alles in weiß und grau, uni oder gestreift.
Die 23 Studierenden der Fachrichtung Modedesign der Hochschule Trier hatten wenig Vorgaben und konnten ihrer Kreativität freien Raum lassen. Bei der einen Modenschau ist es übrigens längst nicht geblieben. "Nach einer überwältigenden Resonanz aus allen Teilen Deutschlands und auch international", sagt Prof. Dirk Wolfes, Leiter der Fachrichtung an der Hochschule Trier, seien die Modelle schon mehrfach gezeigt worden, bei den Trierer Design- und Kulturtagen, auf der Messe Kostbar in Idar-Oberstein und im Reich der Mitte.
In China? "Das Projekt kam so gut an, dass eine Einladung nach China folgte", sagte Susanne Keeding, Pressesprecherin des Mainzer Wirtschaftsministeriums. Die Trachten waren der offizielle Höhepunkt der Messe China International Folk Crafts and Cultural Products Expo 2015 in Guiyang, Provinz Guizhou. Bei der Kunsthandwerkermesse wurden die Designerstücke unter großer Begeisterung von chinesischen Models vorgeführt.
"Wir freuen uns sehr über das Interesse an unseren Trachten", sagt Stephanie Hemmann, eine der Trierer Erstsemesterstudentinnen. Schon bei der ersten Präsentation seien einige Menschen auf die Gruppe zugekommen, die sich vorgestellt haben, dass man die Trachten auch in der Gastronomie nutzen könne.Nische für Jungunternehmer


Ihr Kommilitone Markus Schütz geht davon aus, dass die Modelle in abgewandelter Form von Servicekräften in Restaurants oder Hotels als Uniform getragen werden können. Eher skeptisch ist er bei der Frage, ob es die etwas anderen Trachten bald im Laden zu kaufen gibt. Er glaubt nicht, dass "sie unbedingt in dieser Form für den kommerziellen Handel geeignet sind". Das sieht Wirtschaftsministerin Eveline Lemke völlig anders.
Sie hofft, dass die Kreationen aus der Designwerkstatt der Hochschule Trier bald in Läden der Region und auch an den Nationalparktoren beispielsweise am Erbeskopf zu kaufen sind. Die Ministerin ist ein Fan der weiß-grauen Kleidung: "Die Trachten der Trierer Modedesignschüler finde ich wunderschön. Hier wurde das traditionelle Thema modern umgesetzt - und dann noch so, dass die Kleider alle tragbar sind." Sie trug bereits bei der Präsentation an Pfingsten ein Kleid aus der Kollektion. Und - sie zog es den ganzen Tag nicht mehr aus.
Lemke wünscht sich, dass Jungunternehmer die Nische für sich entdecken. Sie sagt zu, sogenannte Start-Ups, also Unternehmensneugründungen, mit einem breiten Instrumentarium zu unterstützen und verweist auch auf den Mittelstandslotsen der Landesregierung.
Es werden unter Federführung des Kreises Birkenfeld Gespräche zu den Umsetzungsmöglichkeiten für eine Designlinie mit Hunsrückbezug geführt, sagt Lemkes Pressesprecherin Keeding.
Handfeste Ergebnisse kann man allerdings auch in Birkenfeld noch nicht vorweisen. "Alles hängt davon ab, dass jemand die Geschäftsidee als seine erkennt und Geld in die Hand nimmt", sagt Michael Dietz, Wirtschaftsförderer des Kreises Birkenfeld. Mehrere Gastronomen hätten durchaus Interesse signalisiert. Allerdings müssten die Entwürfe überarbeitet werden, um als tragbare und bezahlbare Arbeitskleidung etwa für eine Serviererin dienen zu können.
Dietz macht allerdings auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: "Wir reden über Kleidung, aber eigentlich reden wir auch über regionale Identität. Wenn St. Wendeler, Birkenfelder, Thalfanger und Hermeskeiler in Sachen Nationalpark zusammenarbeiten können, dann können sie auch mit einer gemeinsamen Tracht ein Zeichen für eine regionale Identität setzen." Das Projekt hat also durchaus Charme und Potenzial. Und eine eindrucksvolle Nachfrage gibt es auch - vor allem im Ausland. Prof. Wolfes: "In China hätten die Studierenden die Kleidung dutzendfach verkaufen können", sagt Wolfes.
Interessenten für eine Unternehmensgründung können sich an den Mittelstandslotsen der Landesregierung Eckart Helfferich wenden, Telefon 06131/165652, E-Mail
mittelstandslotse@mwkel.rpl.deExtra

... Dr. Fritz Schellack, den Leiter des Hunsrück-Museums in Simmern. Warum sind Trachten - zumindest bayerische - derzeit so im Trend? Fritz Schellack: Im Trend ist ja alles, was mit dem Oktoberfest in Verbindung steht - wiederum sind Bayern und Schwarzwald Vorreiter. Schließlich wird ja in jedem Winkel der Welt versucht, mit sogenannten Alleinstellungsmerkmalen zu punkten. Tracht ist ein probates Mittel. Und warum ist das Ihrer Meinung nach so? Schellack: Offenbar brauchen die Menschen identitätsstiftende Elemente, und so finden sich jetzt im Zuge der Vereinheitlichungen in der EU oder generell der Globalisierung wieder Tendenzen, die eine gewisse Originalität vermitteln sollten. Das wird ja auch mit anderen regionaltypischen Produkten versucht. Warum spielen Trachten im Hunsrück auch historisch nicht so eine Rolle wie beispielsweise in Bayern oder dem Schwarzwald? Schellack: Trachten beziehungsweise traditionelle Kleidung wurden im 19. Jahrhundert nicht mehr als modern empfunden. Es gab preiswerte Industrieware auf den Märkten. In der älteren Forschungsliteratur heißt es immer, die Tracht sei im Hunsrück im 19. Jahrhundert verschwunden, zugleich wird die Annahme suggeriert, es habe eine Tracht im 18. Jahrhundert gegeben. Es bestanden immer gleichzeitig je nach Geldlage und sozialem Status unterschiedliche Kleidungsverhalten. iro