Von den Lippen lesen

ZERF. Schreinerlehrling Johannes Harth braucht einiges schriftlich, vor allem spezielle Anweisungen seines Chefs, Schreinermeister Rainer Hansen. Denn der Lehrling ist gehörlos, erfüllt aber trotzdem die Erwartungen seines Chefs.

Johannes Harth aus Oberzerf erlernt das Schreinerhandwerk, und sein Chef ist sehr zufrieden mit ihm und seiner Arbeit, wie Rainer Hansen im Gespräch betont. Trotz allem. Denn Harth ist gehörlos. "Nach einem schweren Unfall hatte ich vier Jahre lang nicht ausgebildet, danach habe ich mich nach einem geeigneten Azubi umgesehen. Dass Hardt gehörlos ist, das hat mich nie gestört und hat bei der Auswahl auch keine Rolle gespielt. Wenn eine Arbeitskraft willig ist, zu lernen und sich selbst in den Arbeitsprozess mit einbringt, dann erfüllt er alle Voraussetzungen. Und das tut Harth", lobt Hansen seinen Mitarbeiter, der aus einer Handwerksfamilie kommt. "Er ist das Arbeiten gewohnt, ist sehr geschickt und sieht die Arbeit. Das ist für mich auch wichtig." Die Verständigung zwischen beiden sei inzwischen sehr gut. "Er liest von meinen Lippen ab und ich verstehe, was er sagt. Das einzige Problem sind derzeit noch die Fachausdrücke, die er lernen muss. Dabei helfe ich ihm, auch schon mal auf schriftlicher Art und Weise."Maschinen müssen speziell umgerüstet werden

An den Maschinen arbeiten darf Harth vorerst nicht. "Die müssen zuerst alle mit speziellen Maßnahmen versehen werden", erklärt Hansen. Das seien beispielsweise Lichtsignale für laufende Maschinen und andere Warnsignale, die eine Spezialfirma demnächst einbauen werde. Schreinermeister Rainer Hansen ist 40 Jahre alt und ein echter Zerfer Junge, wie er betont. Verheiratet mit Ehefrau Iwona hat er drei Kinder. Anfang der 80er Jahre hat er seine Lehre in Zerf absolviert, danach bei verschiedenen Firmen gearbeitet und sich 1992 selbstständig gemacht. "Nach der bestandenen Meisterprüfung ging es von null auf 100", sagt er. "Vor sieben Jahren habe ich festgestellt, dass eine kleine Bauschreinerei keine Zukunft bietet. Deshalb habe ich mich auf den Treppenbau spezialisiert, worüber ich heute froh bin." Viel Geld habe er in Software investiert, "ohne die es heute nicht mehr geht". Die meisten Teile lasse er von Spezialfirmen fertigen. "Das geht heute einfach per Email. Ich gebe meinen per Computer erstellten Plan an eine Fertigungsfirma, die mir das Teil so liefert, wie es der Kunde haben möchte. Das können vorgefertigte oder aber fertige Teile sein. So kann stets dem Wunsch eines jeden Kunden entsprochen werden. Die Anschaffung der Maschinen für diese Arbeiten im eigenen Betrieb wäre viel zu teuer." Darüber hinaus betreibe er an Ort und Stelle die traditionelle Bauschreinerei und stelle unter anderem Fenstern und Türen her. Und das Bestattungsunternehmen laufe nebenher. "Derzeit sind wir zu viert im Betrieb: Buchhalterin Renate Pfrang, meine Ehefrau, Azubi Johannes Harth und ich stellen derzeit die Mannschaft auf 350 Quadratmetern Arbeitsfläche", sagt Hansen, der aber noch einen Facharbeiter einstellen möchte. Etwas brennt Hansen derzeit auf der Seele. Es habe kürzlich eine Situation gegeben, als sein Betrieb wegen eines Missverständnisses in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten sei. "Hier ging es um Ermittlungen wegen Vortäuschung eines Einbruchsdiebstahls und Versicherungsbetruges. Es wurde in der Presse geschrieben, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Schreiner aus Zerf handelte. Den Namen hatte die Redaktion geändert. Da es aber nur einen Schreinerbetrieb in Zerf gibt, glaubten nun alle, mich für diese Person halten zu müssen. Es war aber ein Mann in meinem Alter, der zwar von Beruf Schreiner ist, aber einem anderen Gewerbe nachgeht."

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