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Von den Nazis als Staatsfeind weggesperrt

 Martha Swoboda (links) und Maria Schmitt halten das Andenken an Pastor Reuland hoch. TV-Foto: Herbert Thormeyer
Martha Swoboda (links) und Maria Schmitt halten das Andenken an Pastor Reuland hoch. TV-Foto: Herbert Thormeyer FOTO: Herbert Thormeyer (doth), Herbert Thormeyer ("TV-Upload Thormeyer"
Greimerath/Bochum. Im Hochwald erinnern sich noch viele an den ehemaligen Greimerather Pastor Josef Reuland. Sein ergreifendes Schicksal als NS-Gefangener ist der Ausgangspunkt einer Ausstellung, die im Bochumer Stadtarchiv zu sehen ist. Die Schau erzählt die Geschichten von 60 Geistlichen und anderen politischen Häftlingen, die während der Nazi-Diktatur im Bochumer Gefängnis Krümmede einsaßen. Herbert Thormeyer

Greimerath/Bochum. Zwei Männer der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) stürmen am 2. Februar 1942 ins Greimerather Pfarrhaus. Sie werfen Pastor Josef Reuland vor, er habe staatsfeindliche Schriften verbreitet. Die Glocken läuten. Gläubige eilen herbei, um die Verhaftung zu verhindern. Die damals 13-jährige Maria Schmitt (heute 88) erinnert sich: "Einige hielten die Stoßstange des Autos fest, andere warfen Schneebälle gegen die Scheibe." Der Pastor habe die Autotür geöffnet und gesagt: "Hört auf damit, es nutzt ja doch nichts."
Nach einem Tag voller Verhöre sei der Pfarrer wieder da gewesen. Doch dann kam der 23. Juni. "Da waren wir alle auf den Feldern beim Heumachen. Da hatte die Gestapo freie Bahn", berichtet Schmitt. Diesmal lautete die Anklage auf Hochverrat. Der Richter am Volksgerichtshof Berlin, Roland Freisler, sprach das Urteil: Sieben Jahre Zuchthaus in Bochum Krümmede. Für die Kosten des Verfahrens wurde in Greimerath Geld gesammelt.
Nacht-und-Nebel-Gefangene


Über Reulands Leiden und die anderer politischer Gefangener in dem damaligen Strafgefängnis Krümmede berichtet eine aktuelle Ausstellung (siehe Extra).
Alfons Zimmer, der aus der Region Trier stammt und als Pastoralreferent in den Bochumer Gefängnissen tätig ist, hat die Schicksale der von den Nazis Verfolgten aus privatem Interesse zusammengetragen. Anhand von 60 Biografien zeigt er, dass auch die regulären Strafgefängnisse zwischen 1933 bis 1945 nicht nur zur Bestrafung von Kriminellen dienten. Sie waren eingebunden in das System zur Ausschaltung Andersdenkender. Wie die Schau dokumentiert, gab es mehr als 1000 sogenannte Nacht-und-Nebel-("NN")-Gefangene - Widerständler aus besetzten Ländern wie Belgien, den Niederlanden und Frankreich - die allein 1943 in der Bochumer Strafanstalt inhaftiert waren.
Vor drei Jahren hat Gefängnisseelsorger Zimmer über seinen evangelischen Mitbruder in Münster, Dieter Wever, vom Schicksal des Pfarrers Reuland erfahren: "Der Greimerather Pastor war der Ausgangspunkt. Meine Recherchen ergaben ein noch wesentlich größeres Ausmaß an Verbrechen an politischen Gefangenen im Bochumer Gefängnis, darunter auch viele Priester." Angebliche Behauptungen der Geistlichen, der Nationalsozialismus sei religionsfeindlich, brachten die Opfer in Haft. Hitlers Propaganda habe darauf abgezielt, dem Nationalsozialismus den Charakter einer politischen Religion zu geben, mit Hitler selbst als Heilsbringer.
Bei einem Besuch von Reulands Grab in Greimerath traf Zimmer die Nichte des Pfarrers. "Sie gab mir seine größtenteils unveröffentlichten, mit Schreibmaschine getippten Erinnerungen über seine Haftzeit. Diese waren für mich ein erstes Fenster in die dunkle Zeit im Schicksalsort Gefängnis Bochum." Die Nichte Reulands, der von 1931 bis 1954 Pfarrer in Greimerath war, ist Martha Swoboda (77). Sie beschreibt ihren Onkel als sehr friedlichen Menschen: "Von der ganzen Tragweite seines Schicksals habe ich erst aus der Greimerather Schulchronik erfahren."
Chronist Josef Leineweber (64), der von Reuland getauft wurde, weiß: "Der Pastor hat nie direkt von der Kanzel gegen die Nazis gewettert. Sein Protest war subtiler." Bereits 1933 ließ Reuland einen Saal ans Pfarrhaus anbauen, gründete eine Theatergruppe, die Deutsche Jugend Kraft (DJK), und kümmerte sich viel um das Vereinsleben. Statt Hitlerbüsten wurden Heiligenfiguren verkauft. Parallel zu Aufmärschen gab es Prozessionen.
Gegen Kriegsende versetzte ein Wachtmeister Reuland einen Genickschuss. Der Geistliche überlebte und konnte später wieder als Pastor arbeiten. "Er hat aber in ständiger Angst vor dem Täter gelebt, der ihm im Gerichtssaal Rache geschworen hat", erinnert sich Nichte Swoboda. Reuland habe zurückgezogen gelebt und immer die Türen zugesperrt.
"Wir haben mit ihm gelitten, als wir von diesem Schicksal erfahren haben", sagt Ortsbürgermeister Edmund Schmitt. Damit das nicht in Vergessenheit gerate, erinnere eine Gedenktafel auf dem Friedhof an den Greimerather Pastor.Extra

Die Ausstellung Schicksalsort Gefängnis. Opfer der NS-Justiz in der Krümmede ist noch bis Februar 2017 im Bochumer Stadtarchiv, Wittener Straße 47, zu sehen. Der Eintritt ist frei. Infos: <%LINK auto="true" href="http://www.bochum.de/stadtarchiv" text="www.bochum.de/stadtarchiv" class="more"%> , <%LINK auto="true" href="http://www.getuigen.be/kruemmede" text="www.getuigen.be/kruemmede" class="more"%>. Begleitend zur Ausstellung werden Vorträge angeboten. Die Termine: Donnerstag, 10. November, 18 Uhr: Richter Dirk Frenking: Justiz und Gewaltverbrechen; Donnerstag, 17. November, 18 Uhr: Historiker Daniel Schmidt: Die Polizei im Ruhrgebiet während der NS-Zeit; Donnerstag, 1. Dezember, 17 Uhr: Alfons Zimmer: Führung durch die Ausstellung "Schicksalsort Gefängnis", 18 Uhr: Lehrer und Schriftsteller Reinhard Junge Bochum: Ich saß in dir; Donnerstag, 8. Dezember, 17 Uhr: Alfons Zimmer: Führung durch die Ausstellung, 18 Uhr: Soziologe Jan Hertogen: Schicksal der hingerichteten und überlebenden Nacht- und Nebel-Gefangenen; Donnerstag, 15. Dezember, 17 Uhr: Alfons Zimmer, Führung durch die Ausstellung, 18 Uhr, Professor Helmut Moll: Christliche Geistliche als Opfer der NS-Justiz in der Krümmede. doth