Von der Leitplanke zur Leidplanke

Von der Leitplanke zur Leidplanke

KORDEL/TRIER-EHRANG. Während anderswo Leitplanken mit einem Unterfahrschutz versehen oder mit Styroporpuffern entschärft werden, erweist der Landesbetrieb Straßen und Verkehr Rheinland-Pfalz (LSV) motorisierten Zweiradfahrern auf der B 422 einen Bärendienst.

Rund 4500 Meter herkömmlicher Leitplanke werden entlang der Kyll zwischen Kordel und Ehrang ausgetauscht. "Die alten Schutzplanken waren abgängig und mussten erneuert werden. Die entsprachen nicht mehr den Richtlinien, waren teilweise stark verrostet", begründet Klaus Wagner vom LSV die Arbeiten. Doch die alten Planken werden nicht gegen gleichartige ausgetauscht, es kommt ein neues System zum Zug. Statt der gewohnten wellenförmigen Planke wird ein Kastenprofil auf die nun auch deutlich höheren senkrechten Träger gesetzt. "Das neue Kastenprofil hat einen höheren Rückhaltewert. Der ist Vorschrift im Wasserschutzgebiet", erklärt Wagner. Damit wolle man verhindern, dass bei einem Unfall Fahrzeuge dort in die Kyll stürzen, wo die Stadt Trier Trinkwasser entnimmt. Prognosen zwischen Angst und "Glück gehabt"

Geht die Rechnung bei Autos und Lastkraftwagen auf, tritt bei Motorrädern der gegenteilige Effekt ein. Lag die durchschnittliche lichte Höhe unter der Leitplanke beim alten System bei etwa 40 Zentimetern, ist die Lücke nun rund 60 Zentimeter hoch. Platz genug für fast jedes Motorrad, unter der Planke hindurch in das Gewässer zu rutschen. Ungleich höher ist die Gefahr für die Motorradfahrer. Die Anzahl der Pfosten beim neuen System hat sich verdoppelt. Standen sie vorher meist rund vier Meter auseinander, hat sich die Distanz nun genau halbiert. Zwar sind die neuen Pfosten durch ein C-Profil ein wenig abgerundeter als die alten Doppel-T-Träger, die Rundung entspricht aber gerade mal der einer Zwei-Euro-Münze. Leitplankenpfosten können schon bei Geschwindigkeiten von etwa 30 Kilometern pro Stunde zu Abtrennungen von Gliedmaßen führen, bestätigt der Verein MehrSi - Sicherheit für Biker e.V., der sich seit Jahren mit der Thematik beschäftigt. Für den Motorradfahrer hat sich das Risiko lebensgefährlicher Verletzungen damit verdoppelt. Rechnet man hinzu, dass die lichte Höhe unter der Planke von 40 auf 60 Zentimeter angewachsen ist, hat sich damit die "Chance", auf einen Pfosten zu treffen, sogar noch weiter erhöht. Klaus Wagner sieht das nicht so. "Der Motorradfahrer rutscht unter den neuen Planken durch und bleibt nicht hängen - Glück gehabt", sagt Wagner. Was den Zweiradfahrer hinter der Planke erwartet, sofern er das äußerst unwahrscheinliche "Glück" hat, zwischen den eng stehenden Pfosten hindurch zu rutschen, sagt Wagner nicht. Da lauern Bäume, Sträucher und die Kyll. Weiteren Handlungsbedarf in Sachen Zweiradsicherheit sieht man beim Landesbetrieb Straßen und Verkehr nicht. Ein Unterfahrschutz sei nicht vorgesehen, die B 422 sei zwar ein Unfallschwerpunkt, mit Motorrädern sei da aber noch nichts passiert, sagt Wagner.