Vor 20 Jahren: Orkane verwüsten Wälder

Vor 20 Jahren: Orkane verwüsten Wälder

Vor genau 20 Jahren wackelte wegen Vivian und Wiebke im Hochwald, Hunsrück und in der Eifel der Wald. Die beiden Orkane brachten ihn auf großer Fläche sogar zum Einsturz. In manchen Regionen konnte bis heute das Niveau des Holzeinschlags der 80er Jahre nicht mehr erreicht werden. Es gibt jedoch auch Nachwirkungen, die ein Laie nicht erwarten würde.

Hermeskeil/Saarburg/Dhronecken. Vor genau zwei Jahrzehnten fegten mit Vivian (25. bis 27. Februar 1990) und Wiebke (28. Februar/1. März 1990) zwei besonders wütende Damen durch die Wälder unserer Heimat.

"Am 1. März 1990, der Nacht von Karnevalsdienstag auf Aschermittwoch, erreichte der Sturm bis zu 200 Kilometer pro Stunde. Um 15 Uhr gab es auch noch ein Schneegewitter", so genau kann sich der heutige Leiter des Forstamtes Saarburg, Helmut Lieser, an die Sturmkatastrophe erinnern, die in seinem Zuständigkeitsbereich 300 000 Festmeter Holz niederriss.

Die Holzpreise sackten in den Keller. Nasslager mussten errichtet werden, um das vermehrte Holzangebot zu strecken. Lieser spricht, über die letzten zwei Jahrzehnte gerechnet, von fast 30 Millionen Euro Schaden für die kommunalen wie privaten Waldbesitzer.

Selbstheilungskräfte der Natur



Ähnlich schlimm war es im Bereich des Forstamtes Hermeskeil. Dessen Leiter, Bernhard Buss, will keine genaue Rechnung aufmachen, denn: "Zu viele Parameter spielen in die Kosten rein." Mittlerweile spiele auch die Finanz- und Wirtschaftskrise eine Rolle.

Der Leiter des Forstamtes Dhronecken, Hans-Jürgen Wagner, sah damals 500 000 Festmeter Holz am Boden liegen. "Das brachte uns bis heute einen Verlust von gut und gerne 40 Millionen Euro", so seine Schätzung.

"Damals hat die Pflanzenwelt eine enorme Dynamik entwickelt", staunt Wagner heute noch. Ganz auf die Selbstheilungskräfte der Natur will aber niemand im Forst vertrauen.

Die Katastrophe war auch teilweise Menschenwerk. Zu viel schnell wachsendes Nadelholz war, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, plantagenartig angepflanzt worden. "Der Wald war nicht stabil genug", weiß Lieser.

Aufforstung im Mischbestand soll helfen. "Tiefwurzler wie die Buche schützen Flachwurzler wie die Fichte", lautet die Lösung des Forstmannes, die auch in allen anderen Revieren der Region angewendet wird.

Die echte Langzeitschädigung hat jedoch vier Beine und trägt Geweih. Lieser erklärt die Ursachenkette: "Der Klimawandel erzeugt mehr Stürme und damit mehr Freiflächen in den Wäldern. Dort findet besonders Rotwild bessere Lebensbedingungen durch nachwachsende Vegetation vor und torpediert mit Schälschäden unsere Aufforstung."

Die Jäger seien immer stärker gefordert, den Wildbestand anzupassen, damit die Setzlinge eine Chance haben, starke Bäume zu werden. "Was Luchs und Wolf in früheren Jahrhunderten erledigten, nämlich ein Gleichgewicht in der Natur herzustellen, müssen heute die Jäger übernehmen", macht Lieser klar.

Im Naturwaldreservat "Himbeerberg" im Staatswald Klink (Verbandsgemeinde Kell) vergleicht die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) in Trippstadt die Entwicklung der Artenvielfalt bei Holz, das vor 20 Jahren den Stürmen zum Opfer fiel, mit einem gleich großen Bestand, der seinerzeit "aufgeräumt" wurde. Die Ergebnisse sind verblüffend: Auf den 20 Hektar unberührter Fläche lassen sich mittlerweile beträchtlich mehr Käfer-, Vogel-, Pilz-, Moos-, Fledermaus- und Flechtenarten finden als im bewirtschafteten Wald. Totes Holz belebt also die Natur mit mehr Artenvielfalt.

Lothar (26. Dezember 1999), Kyrill (18. Januar 2007), Emma (1. März 2008), Johanna (9. März 2008) und Kirsten (12. März 2008) - die Stürme werden häufiger. Der Forst steht bei der Umgestaltung der Wälder im Wettlauf mit dem Rotwild und dem Klimawandel. Extra Die Orkaneim Kreis Bernkastel-Wittlich: Der Leiter des Forstamtes Wittlich, Ulrich Frömsdorf, hatte vor 20 Jahren Sturmschäden in der gesamten Eifelregion zu beklagen: "Am schlimmsten war es rund um das Kloster Himmerod." Das Ertragsniveau der 80er Jahre sei bis heute nicht wieder erreicht worden. Sein Kollege vom Forstamt Traben-Trarbach, Franz-Josef Sprute, erinnert sich: "Besonders die Höhenlagen zwischen 350 und 650 Meter in Eifel und Hunsrück wurden geschädigt." Die Lücke in der Holzverwertung sei bis heute spürbar. (doth)