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Vor 50 Jahren trennt sich Muhl von Börfink und wechselt nach Neuhütten

Heimatgeschichte : 98 Prozent wollen die Scheidung

Vor 50 Jahren trennt sich Muhl von Börfink und wechselt nach Neuhütten. Den Schritt hat niemand bereut. Ein bisschen Nostalgie muss dennoch erlaubt sein, findet Albert Bier.

Diese Scheidung bedeutete vor exakt 50 Jahren die vorerst letzte territoriale Grenzänderung des Landkreises Birkenfeld: Am 7. November 1970 wurde am nordwestlichen Rand eine Doppelgemeinde offiziell aufgelöst, weil Muhl sich von Börfink trennte und einen Partnertausch vollzog. Seit diesem Tag ist Muhl, dessen Wahrzeichen die heutige Nationalparkkirche ist, ein Ortsteil von Neuhütten im Landkreis Trier-Saarburg. Doch wie kam es dazu, dass die Ehe zwischen Börfink und Muhl scheiterte?

Zwei spaltende Gründe

Die beiden Dörfer bildeten bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine politische Einheit und gehörten nach dem Ende der napoleonischen Zeit seit 1816 zum damaligen Kreis Trier. Durch die Landesverwaltungsreform wurde Börfink-Muhl im Juni 1969 aber dem Kreis Birkenfeld zugeschlagen.

„Für die Leute aus Börfink erfüllte sich damit ein langgehegter Wunsch, die Bewohner von Muhl waren darüber aber alles andere als glücklich“, hatte sich der inzwischen verstorbene Neuhüttener Heimatforscher Reiner Schmitt schon vor einigen Jahren in einem Zeitungsinterview erinnert. Die Muhler waren nämlich, anders als die Börfinker, unter anderem beim Arzt- oder Schulbesuch eindeutig in Richtung Hermeskeil orientiert. Hinzu kam noch ein weiterer entscheidender Punkt, wie Schmitt herausstellte: Die Muhler waren größtenteils katholisch, während die Börfinker mehrheitlich zur evangelischen Kirche gehörten. „Man kann sagen, dass die beiden Dörfer eigentlich nie ein gutes Gespann waren“, erklärte Schmitt damals.

Die in einer muldenartigen Senke um 1725 von Holzfällern und Köhlern erbaute Siedlung Muhl hatte nach ihrer Gründung zwar ebenso wie Börfink zum hintersponheimischen Amt Birkenfeld und später zu Baden gehört. Dass Muhl aber wegen der Regelungen der Verwaltungsreform 1969 vom Kreis Trier in den Kreis Birkenfeld wechseln musste, stieß im Dorf auf großen Widerwillen.

Unmissverständliches Ergebnis

Die Bewohner forderten, dass ihre Liaison mit Börfink aufgelöst wird, und es kam zu einer Unterschriftensammlung, deren Ergebnis an Eindeutigkeit kaum zu überbieten war: 98 Prozent der Muhler sprachen sich für eine Rückkehr in den Kreis Trier-Saarburg aus und wünschten sich zugleich eine Partnerschaft mit der Ortsgemeinde Neuhütten.

Dieser unmissverständlich artikulierte Bürgerwille wurde vom Gesetzgeber erhört, und so kam es, dass am 7. November 1970 Muhl nach Neuhütten im Kreis Trier-Saarburg eingemeindet wurde. „Diesen Wechsel haben wir nie bereut. Mit Neuhütten gab es einfach viel mehr Berührungspunkte“, sagt Albert Bier. Der 73-jährige Muhler ist stolzer Besitzer eines Relikts, das noch an die frühere politische Zugehörigkeit seines Heimatdorfs erinnert: In seinem Schuppen steht ein immer noch funktionsfähiger Traktor mit BIR-Kennzeichen.

Zwei positive Resultate

Bernd Schmitt lebt ebenfalls in Muhl. Er war bis 2019 Beigeordneter der Gemeinde Neuhütten und fungiert derzeit unter anderem als Vorsitzender des Vereins Dorf und Kirche im Nationalpark. Auch er stellt klar, dass aus seiner Sicht damals „eine richtige Entscheidung getroffen wurde“. Er nennt für diese Einschätzung zwei Punkte, deren Auswirkungen noch heute zu sehen sind: Zum einen sei es unter anderem dem Einsatz der Pfarrei Hermeskeil mit ihrem früheren Dechant Clemens Grünebach zu verdanken, dass die kleine katholische Filialkirche St. Josef erhalten und so restauriert und umgebaut werden konnte, dass sie nun als Nationalparkkirche – sie ist das einzige Gotteshaus im gesamten Schutzgebiet – multifunktional genutzt werden kann. Zum anderen, sagt Bernd Schmitt, verfüge Muhl mit seinen aktuell rund 70 Einwohnern über eine sehr gute DSL-Versorgung.

Denn das Dorf liegt direkt an einer Glasfaserleitung, die aus Richtung Trier und Hermeskeil kommend durch den Wald bis zum früheren Natobunker „Erwin“ führt. Dieser liegt zwar auf Börfinker Terrain, der Ort selbst liegt aber an einer weniger leistungsstarken Leitung, die aus Richtung Birkenfeld kommt, wie Schmitt erläutert. Er arbeitete früher bei der Telekom und ist Fachmann auf dem Gebiet.

Die Verbindungen der Muhler nach Börfink haben sich nach Schmitts Einschätzung in den vergangenen Jahren mehr und mehr gelockert. „Die Vernetzung bestand ja in erster Linie über die verwandtschaftlichen Beziehungen. Mit dem Versterben der älteren Menschen werden die Kontakte seltener.“

Versöhnte Ex-Partner

Martin Döscher betont hingegen gleichwohl, „dass wir gutnachbarschaftliche Beziehungen zu den Muhlern haben. Wir besuchen uns beispielsweise bei der Kirmes und insbesondere durch den Nationalpark hat sich meiner Meinung nach die Zusammenarbeit wieder intensiviert, und die VG- und Kreisgrenzen verlieren auch mehr und mehr an Bedeutung“, sagt der Börfinker Ortsbürgermeister.

Martin Döschner ist ein „Zugezogener“ und hat die Zeit der Trennung der beiden Orte vor 50 Jahren nicht selbst miterlebt. Eins könne er aus heutiger Sicht aber sagen: „Die damalige Abstimmung akzeptieren wir natürlich, und der Wechsel der Muhler nach Neuhütten ist für uns kein Stachel im Fleisch. Im täglichen Leben spielt die die damalige Entscheidung keine Rolle mehr.“

Über den Verlust von Muhl im November 1970 konnten sich die Börfinker auch deshalb hinwegtrösten, weil sie ein Jahr zuvor im Zuge der Verwaltungsreform mit der Siedlung Thranenweier Zuwachs bekommen hatten. Diese hatte vorher zur Gemeinde Allenbach gehört.