Wann ist ein Mann ein Mann?

HERMESKEIL. "Jungen brauchen in einer Gesellschaft, in der sich die Lebensbedingungen für Männer und Frauen stark ändern, Orientierung und Unterstützung", sagt Rainer Schnettler, Kunstlehrer am Gymnasium und Initiator des ersten Hermeskeiler Jungentages. Im "mädchenfreien" Raum plauderten Jungs zum Beispiel darüber, ob Männer weinen dürfen, oder sie boxten sich frei.

"Jungs versuchen oft, das Weinen zu unterdrücken", sagt Josef (11). Der gleichaltrige Martin ist da hingegen ganz anderer Meinung: "Heute dürfen Männer auch weinen. Das ist alles nicht mehr so streng." Neun Jungs haben sich für den Workshop "Zwischen mir und anderen: kreativ Konflikte lösen" entschieden. Konflikte hätten sehr viel mit Gefühlen zu tun, sagen die beiden Leiter Herbert Adams und Birgit Jung-Hülpes. Mucksmäuschenstille herrscht, wenn einer davon erzählt, was ihm auf der Seele brennt. Kein Gekicher. Keine blöden Kommentare. Schon zur Halbzeit steht für Mathias und seine Schulkollegen fest: "Der Jungentag ist Klasse. Hier zickt kein Mädchen rum, und es ist cool, dass wir nur unter uns Sachen bereden können."Acht Workshops im "mädchenfreien" Raum

Aber warum ein Jungentag? "Auf der einen Seite sollen Männer alte Rollenklischees erfüllen, und auf der anderen Seite werden sie ständig aufgefordert, neue Lebenskonzepte, zu denen es gehört, Gefühle zu zeigen, auszuprobieren", sagt Schnettler. Die Folge sei Unsicherheit bei Männern und folglich auch bei Jungs. In acht verschiedenen Workshops probieren sich 113 Jungen der Hauptschule und des Gymnasiums aus: In der Bibliothek beschäftigt sich eine Gruppe mit dem Lebensabschnitt, der Pubertät genannt wird. Männer unter sich reden mit Michael Charles von der "Pro Familia" in Trier freimütig und in vertraulicher Atmosphäre über verliebt sein, über körperliche Veränderungen und über alles, was Teenager interessiert. In der Turnhalle lehrt derweil Boxlehrer Peter Stockreiser, was es heißt, Stress nicht in Aggression, sondern im sportlich abzubauen. Nach einer Aufwärmrunde führt der Box-Profi vom Polizeisportverein Trier, der beim Ausziehen seiner Trainingsjacke einige bewundernde Blicke für seine durchtrainierten Oberarme erntet, die begeisterten Teilnehmer an ein Anti-Aggressionstraining mit Sandsäcken heran. Um Boxen anderer Art dreht sich alles im Workshop "Backpack-Rocker". Torsten Schmitt bringt den faszinierten jungen Technik-Freaks eine Männerdomäne näher: die Musikprogrammierung. In einem anderen Klassenzimmer bauen vom Konstruktions-Bazillus gepackte Jungs unter der Leitung von Achim Becker einen echten Heißluftballon aus Papier und Naturmaterialien, der mit Spiritus und Wattebausch am Ende, von stolzen Blicken begleitet, gen Himmel abhebt. Ums Fahren geht es auch mit Lars Dorsch, Musikproduzent und Moderator der BMX-Weltmeisterschaften. Dorsch bringt den großen Jungs auf kleinen Rädern bei, dass es neben den vielen, manchmal recht schwierigen Tricks beim Skateboard- und BMX-Fahren vor allen Dingen um Spaß und Gemeinschaft geht. Freude haben auch die Jungs, die sich für den Workshop "Lasst uns die Trommeln hören" mit dem Nigerianer Onkofo Rao Kawana und dem Trierer Trommelbauer Mathias Koch entschieden haben. Auf afrikanischen Holztrommeln finden zehn begeisterte Jungs den richtigen Rhythmus. Das vielfältige Angebot, das verschiedene Persönlichkeitsanteile anspricht, spiegelt wider, wie vielfältig Jungs sind. "Als Lehrer bemerkte ich oft, dass es die Jungen in dem Alter zwischen zehn und 15 Jahren besonders schwer haben", sagt Kunstlehrer Rainer Schnettler. Wenn "Männlichkeit" einschränkt, könne sie eine Last sein. "Das Gute an dem Tag ist, dass es ein Tag nur für uns Jungs ist", sagt ein Schüler. "Und, dass wir über Dinge reden können, ohne gleich das Gefühl zu haben, ein Weichei zu sein", ergänzt sein Schulfreund.