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Weltag gegen Homophobie: Stolperstein für Homosexuellen in Konz

Homosexualität im Dritten Reich : Die vergessenen Opfer der Nazis

In Konz wird bald erstmals ein Stolperstein zu Ehren eines von den Nazis getöteten schwulen Mannes verlegt. Der TV erzählt zum internationalen Welttag gegen Homophobie am 17. Mai, wie es dazu kommt.

Maximilian Glass stirbt am 26. Mai 1942 im Konzentrationslager Buchenwald,  angeblich an Herz- und Kreislaufschwäche – knapp drei Jahre nach seiner Verurteilung in Trier. Seinen 40. Geburtstag am 11. Dezember 1942 erlebt er nicht. Für das NS-Regime ist er Häftling Nummer 2945. Seine letzte freiwillige Wohnadresse vor seinem Tod war die Römerstraße 49 in Konz. Die Nazis haben Glass festgenommen und getötet, weil er Männer liebte. Denn Homosexualität passte nicht ins Weltbild der NSDAP. Glass ist einer von Tausenden Homosexuellen, die zwischen 1933 und 1945 getötet werden. Fast 80 Jahre nach seinem Tod soll ihm nun ein Stolperstein gewidmet werden. Es ist das erste dieser Mahnmale für ein homosexuelles NS-Opfer im heutigen Kreis Trier-Saarburg.

Während des Dritten Reichs sind Schwule als Triebtäter und Volksverräter verschrien. Nicht nur Sex, selbst das Anschauen oder Streicheln eines eines anderen Mannes sind nach dem Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch illegal. Diejenigen, die trotzdem ihre Sexualität ausleben, müssen es im Verborgenen tun. Oft bleiben die Sex-Partner anonym zum Schutz aller Beteiligten. Die NS-Schergen zwingen sie unter Folter zur Herausgabe von Namen weiterer Homosexueller. Wer erwischt wird, endet nicht selten im KZ und wird dort gefoltert und getötet. Die lebenden Nachfahren der Opfer wissen oft kaum etwas über ihre Verwandten, weil Homosexualität auch nach Kriegsende lange Zeit illegal bleibt und totgeschwiegen wird. Hinzu kommt, dass die meisten Zeitzeugen tot sind. Die Erinnerung an die homosexuellen NS-Opfer verblasst also zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Einzelschicksale teils gerade erst erforscht werden.

 Maximilian Glass aus Konz wurde am 26. Mai 1942 im KZ Buchenwald getötet, weil er homosexuell war. Das Bild zeigt ihn im Alter von 37 Jahren.
Maximilian Glass aus Konz wurde am 26. Mai 1942 im KZ Buchenwald getötet, weil er homosexuell war. Das Bild zeigt ihn im Alter von 37 Jahren. Foto: Jürgen Wenke/privat

Jemand, der Licht ins Dunkel des brutalen Schicksals von Homosexuellen im Dritten Reich bringen möchte, ist Jürgen Wenke. Er beschäftigt sich aus persönlichen Motiven mit dem Thema. Homosexuelle seien als NS-Opfer lange Zeit vergessen worden, sagt er. „Als homosexueller Mann hat mich das geärgert und aufgeregt.“ Bei der Kritik habe er es aber nicht belassen wollen. Deshalb hat er 2006 begonnen, die Schicksale und die Verfolgung der Homosexuellen genauso zu beschreiben wie das bei anderen Opfern gemacht wird. Inzwischen hat der 64-jährige Bochumer fast 50 Einzelschicksale erforscht. So kann er die Lebensgeschichten der Männer erzählen, während der Künstler Gunter Demnig für sie einen Stolpersteine macht und verlegt.

Der erste Stolperstein dieser Art ist 2007 zu Ehren des homosexuellen Bochumer Rechtsanwalts Wilhelm Hünnebeck verlegt worden. Damals gab es zwar in Bochum schon 60 Stolpersteine, aber keinen für ein homosexuelles Opfer. Das war der Anstoß für Wenke, sich zu engagieren und in den Archiven zu recherchieren. Dabei ist der 64-Jährige, der damals die Schwulen- und Lesbenberatung in Bochum geleitet hat, selbst kein Historiker, sondern Diplom-Psychologe. Bei der Recherche fällt ihm schnell auf, dass schwule Männer mobil sind. Wenke sagt: „Man wollte die soziale Kontrolle dadurch verringern, dass man in die Großstadt zieht.“ Zudem seien sie meist allein gewesen und hätten keine Familien gehabt. Das bedeutete nicht nur für die Homosexuellen, dass sie oft vereinsamt und vereinzelt lebten, sondern erschwert auch die Recherche. „Beim dritten Stolperstein habe ich die Stadtgrenze von Bochum überschritten“, sagt Wenke.

Auch auf den Konzer Maximilian Glass ist der ehrenamtliche Forscher eher zufällig gestoßen, als er zur Lebensgeschichte eines anderen NS-Opfers recherchiert hat. Da habe der Name auf einer Liste im KZ Buchenwald gestanden mit Verweis auf Trier/Konz. Dass Konz kein Stadtteil von Trier sei, habe er erst später herausgefunden, sagt Wenke. Von Konz aus habe die Recherche nach Stuttgart geführt – zum Geburtsort von Glass. Man müsse ein Puzzle zusammensetzen, sagt Wenke. „Das ist im Fall Glass ziemlich umfangreich.“ Der 64-Jährige hat inzwischen rund 300 Archivseiten über den Konzer ausgewertet. Die fließen nun in einen Text über Glass’ Leben ein, der veröffentlicht wird, wenn der Stolperstein in Konz verlegt wird. Das soll laut Wenke im September geschehen.

Der Bochumer schreibt die Texte über die NS-Opfer eher als Biografie denn als historisch-wissenschaftliche Abhandlung. So will er Emotionen erzeugen, die dafür sorgen, dass die Lebensgeschichte die Leser berührt. „Ich beschreibe einen Menschen, dessen Leben mit Verfolgung und Ermordung zu Ende ging“, sagt er. „Wenn man das wie ein Historiker macht, prallt das ab wie Wasser auf einem Regenmantel. Ich will Fakten mit Gefühl verbinden, dass man nicht auf Distanz gehen kann.“ Das sei sein Beitrag zur Erinnerungskultur. Denn: „Das Schreien nach einem Schlussstrich ist der völlig falsche Umgang mit der Geschichte“, sagt Wenke und kritisiert AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der 2017 die Erinnerungskultur „dämliche Bewältigungspolitik“ genannt hat.

In Trier hat der Bochumer ebenfalls schon zwei Recherchen geführt, die zur Verlegung von Stolpersteinen geführt haben (siehe Hintergrund). Seine Erfahrung zeigt, dass Homosexuelle früher vereinzelt lebten, um sich gegenseitig zu schützen. In Trier sei er, auch wenn die Nazis selbst – wie in anderen Städten auch – von einer um sich greifenden Homosexualität geschrieben hätten, bisher nicht auf Hinweise zu geheimen Szenetreffs in der NS-Zeit gestoßen. Anders in Bochum. Dort habe es unter den Nazis beispielsweise ein Verfahren gegen zwölf Homosexuelle gegeben. Wenke: „Das ging auf eine Razzia im Stadtpark zurück.“

Dass die Stolpersteine für die homosexuellen NS-Opfer verlegt werden können, ermöglichen lokale Stolperstein-Paten. Für Glass übernimmt der Ortsverband Konz der Grünen die Patenschaft und die Finanzierung des Stolpersteins. Die Fraktion hat dazu einen Antrag in den Stadtrat eingebracht, der die Verlegung des Steins ermöglicht.