Wenn Albträume Realität werden

KONZ. Für viele ist Arbeitslosigkeit nur ein Wort. Bei den ehemaligen Mitarbeitern der TWD-Kuag in Konz ist sie bittere Realität. Und die Aussichten auf eine neue Beschäftigung stehen bei den meisten Entlassenen nicht gut.

Nachts können sie nicht schlafen. Immer wieder, wie ein Film, läuft bei den Männern ab, was sie als Arbeitnehmer der TWD-Kuag erlebten und als Betriebsräte zwangsläufig begleitet haben. Franz Zebe, ehemals Vorsitzender des Gremiums, sein Stellvertreter Xhelal Lokaj und Alfons Knod, ehemals Mitglied des Gremiums, sitzen zusammen und erzählen. Wie sie über Jahre hinweg versucht haben, den Niedergang ihres Unternehmens aufzuhalten. Wie sie allein gelassen wurden - nicht nur von der Geschäftsführung, sondern auch von den Betriebsratskollegen des bayerischen Mutterwerks und deren Gewerkschafts-Vertretern. Und welche Perspektiven es überhaupt noch gibt. Morgens schauen sie das Frühstücksfernsehen an, lesen die Zeitung bis zur letzten Zeile durch, blättern im Internet - immer in der Hoffnung auf eine rettende Nachricht, auf einen Hinweis, auf irgend etwas, was eine neue Zukunft für sie und ihre ehemaligen Kollegen verspricht."Auch die Jungen sind schon Mitte 40"

Die materielle Lage der allermeisten Entlassenen ist nicht rosig. Nach Informationen der Arbeitsagentur Saarburg, die auf Angaben der Kuag beruhen, erhielten 147 Männer und Frauen im Sommer 2005 die Papiere. Davon sind 145 in eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft gegangen. Aber nur wenige - genau 19, so Franz Zebe - haben eine neue Stelle gefunden. "Es sind die Jungen", sagt der Ex-Betriebsrats-Vorsitzende und fügt hinzu: "Aber auch die sind schon Mitte 40." Die anderen sind nach einem halbjährigen - trotz aller Bemühungen seitens der Transfergesellschaft und der Trierer Arbeitsagentur - ergebnislosen Intermezzo Ende November in die Arbeitslosigkeit gegangen - für 12, 18, 22, 26, maximal 32 Monate, je nach Alter. Danach winkt Hartz IV. Doch schon das Arbeitslosengeld bedeutet einen Absturz. Denn die Zuschläge für Nacht-, Feiertags- und Sonntagsarbeit zählen nicht mit bei der Berechnung der Unterstützung. "Die Hälfte des Lohns ist weg", sagt Xhelal Lokaj. Die Situation der ehemaligen TWD-Kuag-Mitarbeiter ist auf einem mit Schwierigkeiten gespickten Arbeitsmarkt noch ein Stück problematischer, als sie in Normalfällen wäre. Die meisten von ihnen sind Anfang bis Mitte 50 - zu alt, um eine Stelle zu finden, aber zu jung, um in Rente zu gehen. Lokaj: "Ich habe mich mehr als dreißigmal beworben, aber wenn das Vorstellungsgespräch auf mein Alter kam, war es beendet." Hinzu kommt, dass 40 der Entlassenen Ausländer mit zum Teil sehr schlechten Sprachkenntnissen und damit fast nicht zu vermitteln sind. Auch für die übrigen Kuag-Mitarbeiter stehen die Vermittlungschancen schlecht. Sie haben in dem Textilwerk hoch qualifiziert gearbeitet. Aber ihre Qualifikation war so spezialisiert, dass sie außerhalb der Kuag kaum anzuwenden ist. Selbst eine Ausbildung schützt nicht vor Arbeitslosigkeit. Franz Zebe hat einmal Grafik-Design studiert, Xhelal Lokaj hat Zimmermann gelernt, und Alfons Knod ist Bürokaufmann. Aber die Lehrzeiten liegen lange zurück. Heute gelten in ihren erlernten Berufen andere Regeln. Regeln, die sie nicht beherrschen. Und so erzählen, diskutieren, sinnieren die drei am Frühstückstisch und fabulieren gelegentlich. Dann wieder halten sie sich an neue Pläne. Durchaus realistische. Doch es sind doch nur Milderungen der Situation, keine grundlegenden Hilfen. Ob es die überhaupt gibt? Alle Schilderungen, Überlegungen, Phantasien, Ideen und Diagnosen erinnern fatal an Puzzle-Teile, die ganz und gar nicht zusammenpassen wollen, die kein geschlossenes Bild ergeben und eine realistische Zukunftsperspektive schon gar nicht. "Wir bemühen uns", sagt Dieter Reinsbach von der Saarburger Arbeitsagentur. Und es sei falsch zu sagen, die ehemaligen Kuag-Leute hätten keine Chance mehr. Aber welche Chance sie noch haben, muss auch er offen lassen.

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