Wenn die Gewalt obsiegt

TRIER/HERMESKEIL. Astrid Marx wird neun jungen Straftätern, die unter Bewährung stehen, in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ-Hinzert vor Augen führen, was geschehen kann, wenn Gewalt als legitimes Mittel angesehen wird.

"Die Sozialprognose der neun jungen Straftäter, die mit nach Hinzert wandern, ist positiv", sagt Astrid Marx, Bewährungshelferin und Mitarbeiterin von Probare, einem Trierer Verein für Straffälligenhilfe. Eine positive Sozialprognose zu haben, bedeute, dass die Straftäter gewillt sind, ihr Leben zu ändern. "Sie sind in der Lage, ihr Handeln zu reflektieren und das Unrecht zu erkennen", sagt Marx. Die Bewährungshelferin unterstützt sie dabei, mit Gespräche und mit tatkräftiger Unterstützung bei der Bewältigung alltäglicher Probleme. Projekte sind Baustein der Bewährungshilfe

Ein weiterer Baustein der Bewährungshilfe sind erlebnispädagogische Projekte: in diesem Jahr wandert die Diplom-Pädagogin aus Kell am See mit den straffällig gewordenen Erwachsenen zur Gedenkstätte des ehemaligen KZ Hinzert. "Junge erwachsene Männer, die in den Bereichen Körperverletzung, schwere Körperverletzung und Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen aufgefallen sind, nehmen an der Wanderung teil", sagt Astrid Marx. Vorab hat sie die Teilnehmer anhand von Unterlagen auf Hinzert vorbereitet. Beate Welter, die Leiterin der Dokumentationsstätte, hat sie ihr zur Verfügung gestellt. "Die Dauerausstellung wird den Straftätern auf eindrucksvolle Weise verdeutlichen, wie die Menschenwürde zur Zeit des Nationalsozialismus mit Füßen getreten worden ist", sagt die Bewährungshelferin. Die Gefühle der Teilnehmer seien gemischt. Angst, was dort auf sie zukomme, mische sich mit Neugier. Einige Straftäter nehmen freiwillig teil, andere, weil das Gericht ihnen die Auflage gemacht hat. Nach der Konfrontation mit dem Thema Gewalt und was geschehen kann, wenn Gewalt als legitimes Mittel angesehen wird, wandert die Gruppe nach Beuren. An einer Fischerhütte am See werden die Zelte aufgeschlagen, um den Abend und die Nacht am Lagerfeuer zu verbringen. "In Gruppengesprächen wird das Erlebte besprochen", sagt Astrid Marx. Mit dabei sein werden ein Erlebnispädagoge, ein Mitglied des Vereins Probare und eine Studentin des Fachbereichs soziale Arbeit von der Fachhochschule Saarbrücken und ein ehrenamtlicher Helfer aus dem Hochwald. Zwei Tage ohne Handy und MP3-Player

Alkohol, Handys, MP3-Player sind während der zwei Tage tabu. "Darauf verzichten zu müssen, ist für die jungen Männer eine Herausforderung", sagt Marx. Dass sich die Teilnehmer auf die erlebnispädagogischen Tage einlassen, schreibt Astrid Marx ihrem Vertrauensverhältnis, das sie im Laufe der Bewährungszeit zu den jungen Männern entwickelt hat, zu. "Hinzert und das Erlebte wird auch während der folgenden Zeit in den regelmäßig stattfindenden Gesprächen immer wieder Thema sein", sagt Marx. Ein Stück weit werde den Teilnehmern in Hinzert ein Spiegel vorgehalten. "Es ist vielleicht eine Möglichkeit, zum Nachdenken anzuregen und die Spirale der Gewalt zu durchbrechen", sagt die Bewährungshelferin.

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